Puderzucker und Glasscherben

México lindo y querido: Sechs Wochen, neun Stationen und tausende Sinneseindrücke haben es  zu meinem Lieblings-Reiseland gemacht.  

Vor dem Abflug packt mich die Angst. Mich, die ein Jahr in einem Viertel in Sao Paulo gelebt hatte, von dessen Betreten der Lonely Planet energisch abgeraten hätte, wäre es ihm bekannt. In dem ich trotzdem eine wunderbare Zeit hatte. Nach einem Jahr war Brasilien für mich eine Zweitheimat, keine Gefahr.
Nun hat sich meine selektive Wahrnehmung auf Horrormeldungen aus Mexiko eingefahren. 70 000 Tote im Drogenkrieg seit 2006. Taxi-Überfälle in Mexiko-Stadt, Entführungen, Vergewaltigungen von Touristinnen in Acapulco. Natürlich will ich es trotzdem bereisen, kurz vor meiner Rückkehr nach Brasilien. Trotzdem: „Wenn ich doch schon in Rio wäre, dort fühle ich mich sicher“, denke ich kurz, als ich ins Flugzeug steige…

Die mexikanische Flagge weht im karibischen Wind

Die mexikanische Flagge im karibischen Wind

Nicht ahnend, dass ein Land auf mich wartet, dessen Schönheit, Vielfalt und Farbenpracht meine Phantasie überrollen wird. Das meinen Augen und meinem Gaumen unbekannte Genüsse verschaffen wird. Dessen Erkundung ich jedem Reiseliebhaber aufs Dringendste empfehlen werde, mehr noch als eine Reise durch mein von Herzen geliebtes Brasilien.

Wie gelange ich zu dieser Erkenntnis?

Die Hauptstadt ist für mich Magie statt Moloch. Und dann meine Reisen – oberhalb von Mexiko-Stadt nach Guadalajara, Guanjuato, Colima und Morelia, später gen Süden nach Puebla, Tepoztlán, Oaxaca und die Karibik.

Meine Erlebnisse bieten mir Stoff für Blogeinträge genau wie zum Träumen, und mit jedem Ort verbinde ich Geschichten, die nach und nach folgen werden…

Mexiko-Stadt vom Torre de Latino aus betrachtet.

Mexico City vom „Torre de Latino“ aus betrachtet.

In Mexiko-Stadt lasse ich mich bei einer „Limpia“ (Reinigung) von schlechten Energien säubern (und übertrage sie anschließend mit einem Grasstrauch auf meinen Gastgeber), flaniere durch Frida Kahlos Haus und auf breiten Avenidas. Mariachi singen für mich, wenige Meter weiter bekomme ich  Stromschläge verpasst.

Dann reise ich nach Colima, beobachte den aufsteigenden Rauch eines Vulkans und erfahre, dass der eigene Exmann die beste Kinobegleitung sein kann.

In Guadalajara umarme ich einen pseudo-homosexuellen Wrestler und trinke Tequila in einem schummrigen Fabrikkeller.

Am nächsten Tag verliebe ich mich in Guanajuato, in seine engen Gassen mit Namen wie „Kuss-Sträßlein“ und seine Hügel, von denen man auf bunte Häuschen schaut.

Mindestens genau so froh sind meine Augen und mein Herz, als ich nachts vom Dach eines Parkhauses auf die erleuchteten Sandsteingebäude im Zentrum Morelias blickte; mein Magen ist es auch, als ich kurz darauf Tacos mit exotischer Blütenfüllung verköstigte.

Eine erleuchtete Kirche im Zentrum Morelias

Morelia

Beim zweiten Mal geht es gen Süden.

Hatte ich bereits vom Essen geschwärmt, so hatte ich noch nicht mit Oaxaca gerechnet: Mit Schokoladen voller Gewürze, mit Märkten, vor Gerüchen und Geschmäckern explodierend, mit Restaurants, in denen ich nachsinne, ob das Ambiente oder die Gerichte künstlerischer sind. Nicht zu vergessen, dass Oaxacas reichhaltige Kultur keinesfalls auf die Küche beschränkt ist, wie ich bei der Präsentation eines Tanzfestivals erlebe.

Ich durchstreife auch Puebla, nur kurz. Das schöne Zentrum bleibt mir nicht verborgen, trotz eines leicht verstörenden Wahlkampf-Wochenendes inklusive Technomusik im sonntäglichen Morgengrauen.

In Tepoztlán zelte ich am Fuß einer Bergkette, klettere barfuß am Felsen und wandere zu einer Pyramide. Eine Fahrtstunde weiter wage ich einen Sprung aus mehreren Kilometern Höhe.

Berge von Grashüpfern mit Chili an einem Straßenstrand

Grashüpfer mit Chili – in Oaxaca ganz normal

Dann die Karibik! Ihre Strände: Puderzucker trifft auf Smaragd. Dazu Maya-Ruinen, Schildkröten und Erlebnisparks bei feuchtheißer Tropenluft…

Und die Gefahren? Die Kriminalität, das Hässliche?
Am zweiten Tag in der U-Bahn schnürt sich mir die Kehle zusammen, als ich Zeugin einer grausamen Methode des Geldverdienens werde:  Menschen drohen, sich mit Glasscherben selbst zu verletzen, wenn man ihnen nicht ein paar Pesos zusteckt. Und die Armut ist omnipräsent, zwischen bunten Delikatessen, Puderzuckersand und Sandsteingassen, in denen mir eine Bettlerin für zwei Becher Milch ein unbeschreibbares Lächeln schenkt.

Mexiko lässt mich nicht los, es ist ein Land, das mich zu rufen scheint, zum Wiederkehren und zum Erzählen.

In Worten, in Bildern, im Latin American Diary.

Eine Welle am Strand vom Cancún, kurz, bevor sie auf den Sand aufschlägt.

Am Strand von Cancún

P.S.: Da mein Blog nicht monothematisch sein soll, habe ich mich diesmal Reisebeschreibungen gewidmet. Die Demonstrationen in Brasilien dauern allerdings an und heute Morgen erreichen mich neue Berichte über Gewalt auf beiden Seiten (Demonstranten/Militärpolizei). Die Lage hier ist weiterhin brisant. Diesmal habe ich sie nicht vor Ort mitverfolgt, stelle aber bei Interesse Augenzeugenberichten u.Ä. online.

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