Pinkelnde Kater. Fehlende Türen. Irgendwie nett hier

Tätowierte Dozenten im Schneidersitz, Samba auf dem Campus, WG ohne Zimmertür. Dass das Unileben in Niterói/Rio anders abläuft als in Tübingen, war zu erwarten. Die genauen Unterschiede galt es im Selbstversuch herauszufinden…

Im Juli habe ich im Uni-Spiegel einen Bericht über mein Auslandssemester veröffentlicht, der einen Überblick über mein brasilianisches Studentenleben gibt – von Hörsaal über Wohnen bis Party. Aber eben nur einen Überblick. Hier habe ich die Gelegenheit, diese Bereiche einzeln und ausführlich zu beschreiben…

Diesmal: (Studentisches) Wohnen.

Seit dem Abi vor vier Jahren bin ich in den Genuss verschiedenster Wohnformen gekommen. Während meines Weltwärts-Freiwilligenjahres in São Paulo waren es zwei Gastfamilien – genauer gesagt, Patchwork-Konstellationen mit Hunden, Stiefkindern und alaskanischen Austauschschülern.

Zurück in Deutschland und frisch an der Uni löste ich die Wohnfrage dann so klassisch wie unkompliziert: Ich bewarb mich für die Studentenwerks-Wohnheime, bekam einen Platz und bezog mein Zimmer in einer 70er-Jahre-Baut mit original schimmelgrünem Teppich (so original, dass dort 2006 das preisgekrönte Exorzismus-Drama Requiem gedreht wurde. Nicht im Trailer, aber hier ab 3:05 sieht man auch unsere Einrichtung!).

Dort lebte ich für zweieinhalb Jahre meist glücklich, selten genervt mit 17 Mitbewohnern auf dem Stockwerk und insgesamt 66 im Haus. In der Gemeinschaftsküche stritt ich mit italienischen Erasmus-Studenten darüber, ob in der Pastasoße noch „Milsch“ fehlte oder briet mir herrenlose Maultaschen, die ich nach einer ausgearteten Spontanparty auf meinem Zimmerboden gefunden hatte – ordentlich verpackt in Weihnachtspapier. Im Partyraum erahnte ich, was sich zwischen dem biederen Juristen und dem Neuzugang aus Argentinien anbahnte. Im Garten versuchte ich zwischen Grillrauch und Frisbeescheiben ein paar Zeilen meines Übungsblattes zu erkennen. Kurz gesagt, ich genoss das Studentenleben in vollen Zügen.

Studierende aus mehreren Ländern sitzen in einem deutschen Wohnheim zusammen in der Küche

Internationales Küchen-Chaos im deutschen Wohnheim (Der rothaarige Herr ist übrigens Italiener)

Gastfamilie, Hostel oder auf eigene Faust? 

Umso schwieriger schien es mir, in Brasilien eine passende Unterkunft zu finden, als ich erfuhr, dass es Wohnheime in diesem Sinne dort gar nicht gibt. Zimmer gesucht wird hier anders, von anderen Leuten, mit anderen Zielen und Zwecken. Zunächst einmal: Die Mehrheit der einheimischen Studenten sucht gar nicht, sondern bleibt zuhause wohnen. Wer in eine weit entfernte Stadt und damit weg von der Familie muss (allerdings: eine einfache Fahrt von 2-2,5 Stunden von einem abgelegenen Stadtviertel in Rio nach Niterói ist für viele normal), sucht sich womöglich Ersatz: Brasilianische Familien nehmen einen bis viele Studierende gegen normale Mietpreise bei sich auf, natürlich auch welche aus dem Ausland. Vorteil? Familiäres Flair und Herzlichkeit ist, wie manchmal auch das Essen, inklusive. Nachteil? Strenge Regeln sind es auch, Männerbesuch (auch tagsüber und von platonischen Freunden) oft verboten.

Daneben kann man wählen zwischen einigen gemeinschaftlichen Wohnformen, deren genaue Abgrenzung mir bislang nicht ganz klar ist. Da ist die Rede von „Pensionatos“ (Pension), „Repúblicas“ und auch Hostels, in denen man sich monateweise einmieten kann. Und natürlich klassische Privat-WGs.
„Gemeinschaftlich“ hat übrigens in brasilianischen Unterkünften eine etwas andere Bedeutung: Nicht nur die Wohnung wird geteilt, sondern oft auch das Zimmer. Zwei bis vier Studierende bewohnen dann einen Raum; Einzelzimmer sind teuer und seltener zu finden.

Gemeinschaftlich und gleichgeschlechtlich

Gemeinschaftlich heißt hingegen nicht Gemeinsamkeit der Geschlechter: Auf Zimmern nicht auszudenken, ist es sogar selten, dass Männer und Frauen in derselben Wohnung oder demselben Haus wohnen. Selbst, wenn man in einer festen Beziehung lebt: Meine brasilianische Freundin Stephanie wird zuweilen kritisiert, weil sie  – unverheiratet – mit ihrem Freund eine Wohnung gemietet hat. Die beiden sind seit vier Jahren ein Paar.

Aber zurück zu den „kommerzielleren“ Wohnvarianten: In den Gemeinschaftsunterkünften werden die Betten pro Zimmer meist einzeln vermietet. Es ist also eine Ueberraschung, wer im Stockbett mit drinliegt. Oder aber man kommt wie mein Bekannter Pedro ein Einzelzimmer in einem „Pensionato“ unter, hat aber womöglich keine Küche zur Verfügung.

Da per Internet durchzublicken und das Passende herauszufiltern, wirkte kompliziert. Nun hat die Wohnungssuche in Brasilien auch wieder ihre Vorteile: Man kann sie, wie so vieles, spontan angehen. Seine Wohnung schon Monate zuvor kündigen und weitervermieten ist – zumindest unter Studenten – viel zu viel Lebensplanung! Zwischen Besichtigung und Einzug liegen also oft nur wenige Tage. Mietvertrag? Zumindest bei Privat-WGs sehr selten vorhanden.

Zwischen Besichtigung und Einzug liegen oft nur wenige Tage 

So beschloss ich, mich erst vor Ort auf die Suche zu machen, zwei Wochen vor Vorlesungsbeginn. Die ersten Tage kam ich, wo auch sonst, bei Couchsurfern unter. Erst bei Gustavo, einem cool wirkenden Typen mit Ray-Bans, mit dem ich wenige Stunden nach unserem Kennenlernen zu 90er-Sound durch Rio cruiste. Dann bei Isis und Igor, zwei nette Apotheker Anfang 30, die in Niterói studiert hatten und mir neben Unterkunft auch Fahrtdienste und Begleitung bei der Wohnungssuche in Niterói anboten. Über eine Facebook-Gruppe und „easyquarto“, die brasilianische Version von „wg-gesucht“ (Links folgen unten!), hatte ich einige Leute kontaktiert.

Ich fuhr zu Camilla, einer 30-jährigen Krankenschwester, deren Anzeige, wie alle eigentlich, sehr sachlich und spartanisch wirkte: Einzelzimmer in Icaraí [Stadtviertel], kein Schrank verfügbar.

Die Suche nach dem perfekten Mitbewohner scheint Brasilianern fremd zu sein. Liebevolle Beschreibungen der Wohnung und derer, die darin zuhause sind, sucht man vergeblich. Sieht man hier WGs nur als nötiges Übel bei Geldmangel, in denen trotzdem jeder sein eigenes Ding macht oder vertraut man brasilianisch-locker darauf, dass man sich sowieso mit allen immer irgendwie versteht?

Camilla öffnete mir mit einem Lächeln. Die Wohnung wirkte einfach, aber nett; mein Zimmer etwa 15 Quadratmeter groß, mit Parkettboden. Daneben gab es noch drei weitere – eines für Camilla, eines für ein weiteres Mädchen, das nicht anwesend war (noch so eine Sache – bei der Auswahl der neuen Mitbewohner ist von drei bis vier Leuten oft nur eine einzige Person da. Die anderen sehen dann, wie sie mit dem Neuzugang klarkommen); das letzte Zimmer war seinen Namen kaum wert: Ein „quarto de empregada“, übersetzt „Angestelltenzimmer“, etwa 5 Quadratmeter „groß“; ein Zeichen der Unterdrückung und der Kluft zwischen Arm und Reich: In solchen Kammern wohnten früher die Hausangestellten, heutzutage werden sie oft an ärmere Studenten vermietet. Dort, erklärte mir Camilla, wohne ein Musiker, der aber nur ab und zu und diesen Monat gar nicht da sei. Außerdem gebe es noch einen weißen Kater namens Bubú.

Der weiße Kater Bubu liegt auf meinem Bett im brasilianischen WG-Zimmer.

Plant wahrscheinlich gerade, wo er als nächstes hinpinkeln wird: „Mitbewohner“ Bubú.

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Eine Antwort zu Pinkelnde Kater. Fehlende Türen. Irgendwie nett hier

  1. Hedwig Stierle schreibt:

    Liebe Rena,
    nachdem mir zunächst nicht gelungen war, deinen Blog durch Anklicken oder Google zu öffnen , hatte ich es wieder vergessen. Dann war ich zur Kur und danach gab es Etliches aufzuarbeiten. Heute habe ich nun mit deinem alten Blog verglichen und gemerkt, dass ich es hinter hppt//setzen muss. Nun habe ich angefangen, die ältesten Einträge zu lesen – wie auch deine vorigen blogs – immer interessant und mit trockenem Humor.
    Zu der Untermiete: solange ist das bei uns noch nicht her. Auch ich habe 10 Jahre in Untermiete gewohnt. Da wurde einem manchmal bei der Suche im Keller oder Dachboden ein Abstellraum mit Sperrmüllmöbeln angeboten, oder ein Zimmer, in dem die Vermieterin ihre Schränke hatte und immer einmal hinein musste. Besuch war höchstens tagsüber erlaubt, aber nicht gern gesehen. Es gab ja auch den sogenannten Kuppelparagraphen mit dem der Vermieter sich strafbar machen konnte. Und einen Mietvertrag hatte ich auch nie. (Ich hatte aber nette Vermieter gefunden).
    Eine Dienstbotenkammer, sicher auch nicht mehr als 5qm, gab es in unsere Berliner Wohnung (erbaut ca 1900) ebenfalls (war dann mein Kinderzimmer), sogar einen Dienstbotenaufgang in die Küche. Deine Mama hat das ja noch kennen gelernt.
    Soviel für heute, ich werde noch einige Zeit brauchen bis ich au dem Laufenden bin.
    Alles Gute in Peru und liebe Grüsse
    Deine Hedi

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