Vom Atlantik zum Pazifik.

Ich sitze im Flugzeug Richtung Lima, Peru, auf dem Weg in ein neues Abenteuer. Doch Neugier oder Vorfreude sind sehr überschaubar, wenn ich an die letzten Tage in meinem geliebten Rio denke, mit 35 Grad im Winter, Urwald in der Stadt und Samba auf der Straße. Das Leben, das ich mir gerade aufgebaut habe, muss ich zurücklassen und ein neues finden in einer fremden Stadt. Das Schicksal einer Reisenden, spannend, aber nicht immer leicht.

Als ich im Flugzeug mit neidvollem Seitenblick an der Business Class vorbeitrotte und mich in der 2. Klasse zwischen zwei große, breite Kerle quetsche, kommen mir Gedanken, die erschreckenderweise bereits mit 23 häufiger werden: „Wenn ich doch reich wäre, erste Klasse fliegen könnte… und einfach in einem schönen Hotel ankommen könnte statt couchzusurfen“. Dann…. ja, was dann? Wäre mein Leben deutlich langweiliger und trauriger. Nicht wegen der Business Class, nein, die würde ich mir tatsächlich gerne gönnen. Erst recht, als ich feststelle, dass mein linker Sitznachbar Verdauungsprobleme hat und abwechselnd aufstößt oder Blähungen hat. Aber… Hotel statt Couchsurfing? Das meine ich doch selbst im Stress nicht ernst. Ich spreche hier von zwei Möglichkeiten. Erstens, allein  in einem Zimmer zu sitzen, fern von Kontakt mit Einheimischen. Zweitens, am Flughafen abgeholt zu werden, von einem Peruaner, der mir in den ersten Tagen seine Stadt zeigt, die schönsten Orte und das leckerste Essen, und das alles mit offenem Herzen statt offenem Geldbeutel. Denn Couchsurfing ist gratis, das gehört zur Philosophie der Community.

Graffiti auf einem LKW.
Ob es mir wohl gelingen wird, Lima zu lieben?

Couchsurfing auf peruanisch

Mein diesmaliger Gastgeber David und ich haben bereits im Skype-Chat gemeinsamen Humor festgestellt und trashige YouTube-Videos ausgetauscht. Am Flughafen läuft auch alles glatt. Als wir das Gebäude verlassen, bin ich erleichtert. „Es ist gar nicht so kalt!“, meine ich erfreut.  Es hat etwa 18 Grad, an meinem letzten Tag in Rio war es nicht viel besser. Und die Sonne scheint. Ich ziehe meinen Pullover aus. Auf Davids Sitz hingegen liegen Handschuhe. Auf seinem Gesicht breitet sich ein Lächeln aus. „Das ist ein besonderer Moment! Die Sonne scheint!“, ruft er euphorisch. Ratlos sehe ich ihn an. „Ja, du hast die Sonne mitgebracht. Die sieht man im Winter so gut wie nie“, fährt er fort. Meine Mundwinkel rutschen Richtung Kniekehlen. Hatte ich da bei Wikipedia im Abschnitt „Klima“ etwas völlig ausgeblendet? Die Durchschnitts-Höchsttemperaturen liegen im Winter bei knapp 19 Grad. (In meiner Heimat bei 3). Also völlig okay, dachte ich. Aber bei der Recherche wenig später stelle ich fest, dass ich ein paar Dinge überlesen habe: Dass es in Lima extrem wenige Sonnenstunden gibt und diese hauptsächlich im Sommer (Dezember bis März) liegen. Meine Mundwinkel zeigen nicht nur nach unten, sie beginnen auch zu zucken.

Erste Aktion in Lima: Krokodilstränen weinen 

Wenige Stunden später sitze ich wohlbehalten, aber deprimiert in einem schönen, aber kalten Zimmer und die Tränen strömen mir über das Gesicht. Ich vermisse gleichzeitig Rio und meine Familie in Deutschland. Aufmunternde Worte kommen von Freunden in Rio und natürlich von meiner Mutter: „Wir vermissen dich auch in Rio, aber sei offen für deine Erfahrung in Lima!“ – „Ich weiß, Rio ist deine Lieblingsstadt, aber vielleicht wird Lima deine zweitliebste“. Schließlich trockne ich meine Tränen und gehe zurück zu Davids Zimmer, der mir das Zentrum bei Nacht zeigen will.

Plaza de Armas im Zentrum. Die Altstadt Limas gehört seit 1991 zum Unesco-Weltkulturerbe.

„Wir fahren mit dem Auto ins historische Zentrum, das ist wirklich schön! Und dann essen und trinken wir etwas Traditionelles“. Er hält inne. „Moment… hast du geweint?“ – Allein bei der Frage fühle ich erneut Tränen aufsteigen. „Warum? Wegen Rio?“ – „Ja, ich vermisse es so sehr… und meine Familie…“ David umarmt mich erst einmal. Das funktioniert wohl in jedem Land. Und dann öffnet er den Kühlschrank. „Hier! Das ist das beste peruanische Bier überhaupt. Und schau mal, ins Glas ist ein Muster eingraviert, die aussehen wie die „Piedra de los doce ángulos“, eine Mauer der Inkas in Cuzco“. Notfallbier funktioniert auch in jedem Land! Ich nehme einen Schluck und wir machen uns auf den Weg.

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Eine Antwort zu Vom Atlantik zum Pazifik.

  1. ChirimoyaToursPeru schreibt:

    Ja Baranco ist ein schönes Viertel in Lima zu leben oder wohnen, etwas klassischer und ruhiger als das oft von Touristen bevorzugte Miraflores.
    Grüsse.

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