„Das Leben ist mehr als nur Ficken“ oder Die Situation von LGBT-Personen in Peru

„Viele denken nur darüber nach, was wir Schwulen im Bett machen. Aber wie viel Zeit innerhalb einer Beziehung verbringt man letztendlich mit Sex? Diese Leute verstehen nicht, dass wir gewöhnliche Liebesbeziehungen führen wie sie auch, mit dem Unterschied, dass uns Homosexuellen jeglicher gesetzlicher Rahmen verwehrt wird.“

Diese Worte eines peruanischen Freundes spiegeln eine traurige Realität wider. Homosexuelle Handlungen sind in Peru zwar legal, wie fast überall in Südamerika (mit Ausnahme von Guyana, wo sie, noch eine Stufe absurder, verboten zwischen Männern, jedoch erlaubt zwischen Frauen sind), aber, wie es mein Bekannter auf den Punkt bringt:  „Das Leben ist mehr als nur Ficken“.  Und die Rechte für all dieses Mehr im Leben, beispielsweise im Bereich Gesundheit oder gemeinsamem Besitz, bleiben unerreichbar für zwei Männer oder zwei Frauen, die einander lieben.

Es existiert allerdings eine Möglichkeit, dass sich diese bedauerliche Situation in Kürze verbessert. Rechte für Homosexuelle sind dieser Tage ein heiß diskutiertes Thema in Peru. Am 12. September hat der Abgeordnete Carlos Bruce einen Gesetzesentwurf zur eingetragenen Lebenspartnerschaft vorgestellt. Diese ist nicht gleichwertig mit der heterosexuellen Ehe, da sie nicht alle deren Rechte beinhaltet, wie beispielsweise die Adoption von Kindern. Dennoch würde die eingetragene Lebenspartnerschaft einige Verbesserungen im Bereich Finanzen und Gesundheit mit sich bringen. Dadurch würde einem homosexuellen Lebenspartner beispielsweise ein Besuch im Krankenhaus ermöglicht, wenn sich der Partner in einem so kritischen Zustand befindet, bei dem aktuell nur die Familie und der (heterosexuelle) Ehepartner zugelassen würden. Außerdem wäre es beispielsweise einer lesbischen Frau möglich, über medizinische Maßnahmen für ihre Lebenspartnerin zu entscheiden, wenn diese im Koma liegt.
Es geht hier um Themen, die essentiell sind für jedes Paar, das sich entscheidet, sich ein gemeinsames Leben aufzubauen und füreinander Verantwortung zu übernehmen. So kam mit meiner Freude über diesen Gesetzesentwurf auch gleichzeitig das Entsetzen, dass es in Peru bislang keinerlei gesetzliche Absicherung für für Homosexuelle gibt.

Nahezu 500 LGBT-Personen wurden zwischen 2005 und 2009 ermordet 

Allerdings kann selbst eine „informelle“ Beziehung nicht immer frei ausgelebt werden, sondern ist vielmehr stets mit einem gewissen Risiko verbunden. Laut dem MHOL (Movimiento Homosexual de Lima – Homosexuellenbewegung Limas) wurden allein zwischen 2005 und 2009 fast 500 LGBT-Personen aufgrund ihrer sexuellen Orientierung ermordet, nicht mitgezählt die Fälle, die aufgrund von Scham der Angehörigen nicht als homophob motiviert angezeigt wurden. Die größte Opfergruppe machten Transvestiten aus.
Noch häufiger als die Fälle, die auf die extremste Art endeten, sind physische und verbale Agressionen gegen LGBTs. Ein Freund erzählte mir von einem Vorfall in einem Park in Lima: Ein Bekannter von ihm ging dort mit seinem festen Freund Hand in Hand spazieren, es gab auch einen Kuss, „ein Bussi auf den Mund, nicht einmal einen Zungenkuss“. Plötzlich kam ein Parkwächter auf sie zu und forderte sie auf, den Park zu verlassen. Als die beiden Männer erklärten, dass sie nichts Falsches täten, antwortete der Aufseher: „Meine Herren, ich mache nur meine Arbeit. Von mir aus könnten Sie bleiben, aber ich habe Beschwerden von Anwohnern erhalten, die sich gestört fühlen.“

In LGBT-Clubs ist man sicher – auf dem anschließenden Heimweg nicht 

Ein anderer Freund berichtete mir von einem noch drastischeren Vorfall. Zwar gibt es in Lima Clubs, die offiziell auf LGBT-Publikum ausgerichtet sind. Dort können alle frei und fern von Vorurteilen feiern. Nach dem Verlassen eines solchen Ortes allein nach Hause zu gehen, kann allerdings gefährlich werden, wie das folgende Beispiel zeigt.

„Mein Onkel fuhr mit dem Auto durch Miraflores [ein touristisches und vergleichbar liberales Viertel Limas], als er sah, wie nahe einer Schwulendisco drei Jugendliche einen Homosexuellen beleidigten und schlugen. Es befand sich Wachpersonal auf der Straße, das teilnahmslos zusah. Mein Onkel, der ziemlich groß ist und eine breite Statur hat, stieg aus dem Auto und schrie die Jungen an, sie sollten abhauen. Da sie noch sehr jung und schmächtig waren, taten sie das auch.“

Wie wäre die Situation wohl ausgegangen, wenn die Angreifer ein paar Jahre älter und ein paar Kilo schwerer gewesen wären? Es ist ebenso einfach wie entsetzlich, es sich vorzustellen.

Die Einschätzungen über die Situation von LGBT-Personen in Lima und in Peru variieren natürlicherweise, in Folge von den Erfahrungen, die einzelne Betroffene machen. So gibt es sicherlich Schwule, Lesben oder Transvestiten, die ihre Gesinnung seit Jahren offen zeigen und nie physisch angegriffen wurden, und andere, die schon mehrere Male Opfer von Gewalt wurden. Die Ungewissheit, jederzeit Ziel einer homophob motivierten Attacke werden zu können, wird aber wohl niemand los. 

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