Peruanisch-Bolivianisches Reisetagebuch – Tag 1: Coco Jambo

Nach sechs Wochen Lima habe ich die Gelegenheit zu einer ersten Reise Richtung Anden. Gemeinsam mit Miguel, den ich in Mexiko beim Couchsurfen kennengelernt habe und der nun mit mir Peru erkundet. Unser Plan fuer die naechsten acht Tage: Cuzco, Machu Picchu, mit dem Bus zum Titicacasee und über die Grenze nach Bolivien. Im Rückblick erzählt hier im Latin American Diary.

Tag 1: Coco Jambo

Im Morgengrauen stehen wir am Flughafen. Problemlos passieren wir die Sicherheitskontrolle. Im Glaskasten neben den Scannern liegen die Sachen, die das nicht geschafft haben. Groesstenteils Objekte, die wohl aus Unachtsamkeit im Handgepaeck gelandet sind: Nagelschere, Reissnaegel etc. Auch ein siebenteiliges Messerset bedeutet nicht zwingend, dass ein Fluggast damit die Vorderreihe aufspiessen wollte. Aber wer zur Hölle hat versucht, ein halbes Meter langes Schwert in die Maschine zu schleusen? Wir sind gleichsam amüsiert und beruhigt, dass die Sicherheitskontrolle mittelalterliche Waffen aussortiert. Der Flug verläuft ohne Zwischenfälle.

Die Schwertkämpfer und Messerwerfer durften nicht mitfliegen.

Die Schwertkämpfer und Messerwerfer durften nicht mitfliegen.

 

 

 

 

 

 

 

Kaum sind wir in Cuzco mit einem halben Fuss aus dem Flughafengebäude heraus, beginnt das muntere Werben der Taxifahrer, die uns ihre Dienste zu völlig unterschiedlichen Preisen anbieten.  Da wir keine Ahnung haben, wie weit unser Hotel eigentlich entfernt ist, und wie viel ein Taxi demnach kosten sollte, entschliessen wir uns, einen der Microbusse zu nehmen, die laut der Taxifahrer „auf keinen Fall“ nahe des Flughafens, sondern „nur ganz woanders“ abfahren. Wir traben mit unserem Gepäck durch den Trubel und leisten uns statt einer Taxifahrt eine Packung Koka-Blätter für umgerechnet 30 Cent. Richtig, Kokablätter entstammen der Pflanze, die die Grundlage für Kokain darstellt. Direkt vom Strauch gekaut haben sie allerdings weit weniger drastische Wirkungen. Sie sind in Peru und Bolivien legal und sollen gegen Müdigkeit, Hungergefühl und Höhenkrankheit helfen. Hungrig und müde bin ich sowieso schon, und der Höhenkrankheit kann man ja mal vorbeugen, denke ich mir und beginne zu kauen. Die Blätter schmecken nicht schlecht, nicht gut… wie Blätter eben. Sonst passiert nichts.

Lamas und 90er-Jahre-Mucke

50 Meter weiter finden wir dann die „sehr weit entfernte“ Bushaltestelle und springen in einen Microbus. Auf das peruanische Verkehrssystem trifft die Bezeichnung „System“ nicht wirklich zu. Abgesehen von einer offiziellen Buslinie in der Hauptstadt wird der öffentliche innerstädtische Transport über Microbusse abgewickelt, deren Grösse von kleiner als Nachbars VW-Bus bis zu massiven 60er-Jahre-Schulbussen rangiert und deren Route man anhand  ihrer knalligen Lackierungen erkennen soll. Auch das Taxigeschäft ist nicht offiziell geregelt und überprüft, die grosse Mehrheit der Fahrer arbeitet auf eigene Faust.  Heisst: Man weiss nicht, an wen und wohin man  gerät.

Ob hier Fahr - oder Gestaltungstalent überwiegt, bleibt im Zweifel...

Ob hier Fahr – oder Gestaltungstalent überwiegt, bleibt im Zweifel…

Irgendwie ist es aber auch ein Pluspunkt, dass so jeder simple Weg von A nach B zu einem kleinen Abenteuer gerät. Abgesehen vom, ähm, kreativen Fahrstil verdient vor allem die liebevolle Gestaltung der Fahrzeuge Aufmerksamkeit. Wahre Schätze des guten Geschmacks tun sich da auf! Rotglänzende Spiderman-Fussmatten, eine Jesusfigur, die aus einer  elektrisch beleuchteten Halbedelsteinhöhle hervorlugt, daneben Playboy-Sticker, Familienfotos und Kruzifixe in Neonfarben. Aufkleber wie „Gott leitet mich auf meinem Weg“ etc. mögen manch einem/r etwas Beruhigung bieten, wenn man fast aus der Kurve fliegt. Allerdings lasen wir auch einmal auf der Hinterseite eines vorbeirauschenden Busses in grossen Lettern „Entschuldige, wenn ich dich zum Weinen bringe“. Die folgenden Gefaehrte wurden in La Paz, Bolivien gesichtet, wuerden aber in Peru auch nicht auffallen.

Microbus in Bolivien - Vorderseite

Microbus in Bolivien

Jesus an Bord

 



 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Doch der Busfahrer fungiert nicht nur als Henker am Lenker und Dekorateur, sondern auch als DJ. Während in deutschen Linienbussen nicht einmal Radio läuft, bringt der peruanische Busfahrer seine persönlichen Lieblingshits auf USB-Stick mit. Die Palette reicht dann von Salsa über Reggaeton zu 90er-Jahre-Mucke.

Zu meiner Begeisterung heizen wir also zu folgendem Kracher durch Cuzco, der es von Bremen (so ergab meine Recherche) bis in die Anden geschafft hat:

Diesem groovy Soundtrack lauschend fallen mir zwei Lamas auf, die am Strassenrand vorbeitrotten. 90er-Jahre-Techno und Lamas, diese Kombination  gibt es nur in Südamerika!

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5 Antworten zu Peruanisch-Bolivianisches Reisetagebuch – Tag 1: Coco Jambo

  1. Lilly schreibt:

    Herrlich! Sehr amüsant geschrieben! Hab mich jetzt nach mehreren Lachsalven wieder etwas beruhigt! :-)

  2. pameff schreibt:

    Viele Ähnlichkeiten zu Ecuador ersichtlich. Kokablätter und auch Tee eignen sich übrigens auch hervoragend um Diät zu machen.

    • Rena Föhr schreibt:

      Da bin ich mal gespannt auf Ecuador, das ich womöglich im Dezember bereisen werde. Eine Diät ist zum Glück derzeit nicht nötig, aber ich hatte auch das Gefühl, dass die Blätter das Hungergefühl verzögern (zu meiner Koka-Erfahrung im Lauf der Reise schreibe ich demnächst)

  3. viajes4peru schreibt:

    Also nur einspeicheln und zwischen Backe und Zähne lassen. Nur leicht bewegen.
    Im Idealfall spürt man an der Stelle eine leicht narkotisierende Wirkung bei beim Zahnarzt vielleicht. Das ganze wirkt langsam und nur über die Schleimhaut im Mund.
    Da reichen für Europäer 4 bis 8 Blätter.
    Grüsse aus Lima Peru.

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