Peruanisch-Bolivianisches Reisetagebuch – Tag 2: Inka-Techno und der erste Gipfel

Um 5.40 Uhr klingelt der Wecker, und damit gehören wir zu den eher spaet Reisenden Richtung Machu Picchu. Um es weniger stressig zu machen, werden wir erst in das Dorf Aguas Calientes fahren, gucken, was es dort zu sehen gibt und erst einen Tag später Machu Picchu selbst besuchen. Nun halten wir also unsere Tickets für den berühmten „Peru Rail“ in den Händen. Schlappe 65 Dollar für dreieinhalb Stunden Fahrt. Dafür sieht der Zug im Prospekt wirklich prachtvoll aus.

Moment! Bin ich, mit nahezu abgeschlossenem Studium der Medienwissenschaft, tatsächlich einer billigen Werbung aufgesessen?, frage ich mich, als ich mich durch den Gang des Peru Rails schlaengele. Er sieht in Ordnung, aber etwas in die Jahre gekommen aus. Die Sitze sind sparsam bemessen und die klappbare Plastikplatte vor meinem Sitz tut nicht mehr ihren Dienst. Im Prospekt sassen die Reisenden doch sogar an Tischen und in grossen Sesseln…

Inka-Techno statt „authentische Tänze“

Nein, der Peru-Rail rast nicht gerade mit Lichtgeschwindigkeit durch die Landschaft. Aber man kann ja mittels langer Verschlusszeit mal so tun.

Nein, der Peru-Rail rast nicht mit Lichtgeschwindigkeit durch die Landschaft. Aber man kann mittels langer Verschlusszeit so tun.

Miguel klärt mich auf: Im Flyer war wohl ein anderer Peru Rail zu sehen, naemlich der, mit dem die gleiche Fahrt 700 Dollar kostet und in dem neben dem gepflegten Ambiente u.a. auch „traditionelle Tänze“ geboten sind. Auf „authentische“ Live-Performances im Bummelzug muessen wir nun „schweren Herzens“ verzichten und
uns stattdessen mit Inca-Techno vom Band zufriedengeben. Inca-Techno, richtig gelesen, taufen wir die Musik mit Panflöten und „groovy Beats“, die uns fast die komplette Fahrt zududelt.
Immerhin gibts Frühstück. Es besteht aus einem Muffin („Mini-Muffin“, ergänzt Miguel), und einem Getränk. Wir entscheiden uns mal wieder für Koka-Tee.

Der Peru Rail kann also preislich mit einem ICE mithalten, nicht aber in Sachen Geschwindigkeit. Eigentlich geniessen wir es sehr, gemütlich durch die Gebirgsketten zu schaukeln. Sehr praktisch sind die Deckenfenster, durch die man weitere Berge und Felsen erspähen kann. Nahezu meditativ ist das! Lediglich als der Peru Rail beginnt, rückwärts zu fahren, werde ich leicht unruhig. Einige Minuten lang rollt er den mühsam bewältigten Weg zurück. Eine Durchsage oder Ähnliches kommt nicht. Dann setzt der Zug seinen Weg anstandslos fort, um eine Stunde später erneut den (temporären) Rückweg anzutreten.

Das Dorf Aguas Calientes - die Basisstation nahe Machu Picchu.

Das Dorf Aguas Calientes – die Basisstation nahe Machu Picchu.

Schliesslich haben wir es dennoch geschafft und stehen in Aguas Calientes, dem Dorf, das Machu Picchu sozusagen zu Füssen liegt. Besser gesagt: Zuerst stehen wir in einem riesigen Basar. Man kann vom Bahnhof nicht ins Dorf gelangen, ohne eine grosse Fläche voller Verkaufsstände zu durchqueren. Dort werden dieselben Produkte angeboten wie ueberall in touristischen Gegenden der Anden: Ponchos aus Alpaka-Wolle, Shirts mit „Perú“ – oder „Inca-Cola“-Aufdruck (zu diesem Getränk ein anderes Mal), Lama-Schlüsselanhänger u.v.m. Allerdings alles eine Ecke teurer. Hier einzukaufen lohnt sich ebensowenig, wie mit dem Peru-Rail für 700 Dollar anzureisen (behaupte ich nun einfach, ohne ihn persönlich getestet zu haben).

Mexican Food und schnoeselige Kellner

Als der Hunger ruft, machen wir uns auf die Suche nach dem preiswertesten Restaurant (Vermutlich ist Aguas Calientes der teuerste touristische Ort im ganzen Land). Erste Beobachtung: Es gibt „Original Mexican Food“! Als Miguel das erste Schild erblickt, ist er voellig erstaunt und fotografiert es von allen Seiten. Als wir eine Strassenbiegung weiter sind, sehen wir jedoch, dass Mexican Food in Aguas Calientes so leicht zu finden ist wie US-amerikanische Touristen. Also sehr leicht.

Mexican Food gibt's an jeder Ecke. Mexikanische Tourist_innen allerdings nicht. Denen würde es wohl auch nicht schmecken...

Mexican Food gibt’s an jeder Ecke. Mexikanische Tourist_innen allerdings nicht. Denen würde es wohl auch nicht schmecken…

Ich möchte es mal wieder fleischlos versuchen, und da liegt ein von „Hare Krishna vegetarian standby“ ganz passend. Allerdings warnt uns der Lonely Planet, dass der Hare-Krishna-Juenger das mit den Öffnungszeiten flexibel sehe. Wir steigen trotzdem den Hügel hinauf und stossen auf ein dunkles Restaurant mit einem einsamen alten Mann darin. „Der Koch ist noch nicht da! Ich weiss auch nicht, wo der wieder steckt…“ meint er ratlos-entschuldigend.

Wir beschliessen uns, ein Mahl im Café Inkaterra zu gönnen, das am Fluss mit Sicht auf die Anden liegt. So richtig willkommen sind wir da im Backpacker-Outfit aber anscheinend nicht. Zuerst einmal dürfen wir uns nicht an den von uns ausgewählten Tisch in dem von uns gewählten Raum setzen („Dieser Raum ist für mehrere grosse Gruppen ausgewählt, die jeden Moment ankommen“ – kamen natürlich nie an), dann bekommen alle später eintrudelnden Hotelgäste vor uns ihr Essen. Ausserdem lanciert der Kellner einen stechenden Blick, als ich erkläre, dass ich wirklich keine Vorspeise und somit kein Menü ordern will. Dabei habe ich aufgrund seiner boesen Miene sogar von vornherein Nachspeise mitbestellt, obwohl ich keinen allzu grossen Hunger hatte!

Miguel legt mir ans Herz, ruhig zu bleiben: „Erst motzen, nachdem man aufgegessen hat! Wer weiss, was sonst in deinem Essen landet!“. Als wir fertig gespeist haben – dank Einhaltung von Miguels Tipp schmeckte das Essen immerhin sehr gut – bleibt das Etui fürs Trinkgeld jedoch leer. Miguel: „Wir könnten einen Zettel mit einem aufgemalten Stinkefinger reinlegen“. Dieses Unternehmen scheitert nicht an unseren Manieren, sondern am Mangel an Stift und Papier.

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