Afroperu [Deutsche Version].

Nach insgesamt eineinhalb Jahren in Brasilien glaubte ich, in die afro-lateinamerikanische Kultur bereits eingetaucht zu sein. Angefangen bei Samba und Capoeira ist diese im brasilianischen Alltag ziemlich stark präsent. Vor meiner Ankunft in Peru hingegen, dessen Touristenprospekte freundlich lächelnde Indigene in bunter Kleidung zeigen, glaubte ich, nun an den perfekten Ort zu reisen, um die indigenen Wurzeln Südamerikas kennenzulernen. Ich träumte von Machu Picchu und andinen Dörfern inmitten der Berge. Afroperu? Dieses Wort klang fremd in meinen Ohren.

Zweifelsohne war mein Stereotyp über Peru vom indigenen Erbe geprägt, nicht vom afrikanischen. Als mir bewusst wurde, welch große Rolle auch dieses spielt, fühlte ich mich wie eine typische ignorante Touristin. Claudia Reyes, Aktivistin in der Studenteninitiative AfroPUCP, erklärte mir daraufhin: „So wie andere Länder Peru betrachten, so sehen wir uns auch selbst. Es gibt bereits viel Forschung über den indigenen Bevölkerungsteil, wohingegen afroperuanische Studien bislang kaum in den Sozialwissenschaften vorkommen. Dadurch fühlen wir Afroperuaner uns wie unsichtbar, und das versuchen wir zu ändern.“

Laut der ENAHO (Encuesta Nacional de Hogares/ Nationale Umfrage der Haushalte) 2012 sind 2,1 % aller Peruaner afrikanischer Abstammung. Das klingt zunächst nach wenig, ändert jedoch nichts daran, dass eine lebhafte afroperuanische Kultur existiert, die die Identität des Landes prägt.

Vor allem in der Musik hat das afrikanische Erbe einen starken Einfluss. Es gibt Dutzende afroperuanische Tänze und Musikstile, in denen spanische Gitarren auf  afrikanische Trommeln treffen. Zu den afroperuanischen Musiker_innen gehören Ikonen wie Susana Baca, die mit dem Grammy Latino ausgezeichnet wurde, und die Formation Perú Negro, die seit 1969 existiert und 2008 mit ihrem Album Zamba Malató für den Grammy Latino nominiert war.


Initiativen zur Erhaltung und Stärkung der afroperuanischen Kultur

In den letzten Jahren sind vermehrt Initiativen zur Stärkung und Erhaltung afroperuanischer Kultur ins Leben gerufen worden. Es wurde der „Tag des afroperuanischen Stolzes“ (im Original: „Orgullo Afroperuano“) eingeführt, welcher auf den 4. Juli datiert ist und auf den ein Monat  voller Veranstaltungen rund um afroperuanische Kultur folgt.

Im Juli war ich noch nicht in Peru. Im vergangenen Monat jedoch habe ich erstmals eine künstlerische Arbeit gesehen, die der afroperuanischen Bevölkerung gewidmet ist.
Im Rahmen meines Praktikums beim Dachverband peruanischer Menschenrechtsorganisationen sollte ich ein Video für das Web-TV-Programm Lo Justo drehen. Gemeinsam mit einer Kollegin besuchte ich deshalb die Fotoausstellung „Afroperú“ des venezolanischen Fotografen Kike Arnal. Diese bestand aus Porträts von Menschen aus diversen afroperuanischen Gemeinden. Die in Schwarz-Weiß gehaltenen Fotos zeigen unter anderem Mädchen bei einer Tanzaufführung, einen Fischer, eine junge Frau, die zur Miss Chincha [Stadt mit dem größten Anteil an Afroperuaner_innen] 2012 gekürt wurde, Arbeiter_innen und Aktivist_innen.
Die Ausstellung beeindruckte mich abgesehen von ihrem künstlerischen Wert auch dadurch, dass ihr gelang, die Kultur eines Bevölkerungsteils gemeinsam mit der prekären Situation, unter der dieser leidet, einzufangen.


Die prekäre Situation der Afroperuaner_innen und der Mangel an Statistiken darüber

Einige Statistiken geben uns Einblick in die Schwere dieser Situation: Laut der ENAHO 2004 befinden sich 37,5 % der afroperuanischen Haushalte in Armut, während der nationale Durchschnitt bei 34,8% liegt. 4 % der Afroperuaner_innen leben in extremer Armut. GRADE (Analysegruppe zu Entwicklungsangelegenheiten) und die Stiftung Van Leer berichteten 2011 auf Basis ihrer Umfragedaten: „Afroperuanische Kinder, die jünger als acht Jahre alt sind und in die Schule gehen, sind sehr häufig gewalttätigen Vorfällen ausgesetzt. 19,5 % hatten Erlebnisse mit physischer und sogar 28,9 % mit psychischer Gewalt. Die Hauptagressoren waren die eigenen Klassenkameraden. Es wurden jedoch auch Fälle festgestellt, in denen die Lehrer physische (auf 2,5 % der Befragten) oder psychische Gewalt (auf 3,4 % der Befragten) auf die afroperuanischen Schüler ausübten“.
Die Studie hält weiterhin fest, dass 22, 1% der Afroperuaner_innen Diskriminierung in der Schule erfahren hat, „wohingegen die Quote bei den Peruanern nicht-afrikanischer Abstammung bei 16 % Prozent liegt“.

Auch wenn uns diese Zahlen einen ersten Eindruck vermitteln können, besteht ein enormer Mangel an ausführlichen Studien mit zuverlässigen Daten über die Lebensumstände der Afroperuaner_innen. Seit 1940 ist bei den peruanischen Volkszählungen die Variable zur ethnischen Selbstbeschreibung nicht mehr enthalten. „Das Fehlen von Daten und Indikatoren verhindert eindeutige und objektive Erkenntnisse über die Bedürfnisse und Dringlichkeiten dieser Bevölkerungsgruppe”, heißt es in einer Pressemitteilung des Kulturministeriums, das vor wenigen Wochen eine Studie vorgestellt hat, die speziell auf afroperuanische Bürger_innen zugeschnitten sein wird.  Diese soll Aufschluss über die sozioökonomische Situation der Afroperuaner_innen bringen und dadurch ein Fundament “zur Entwicklung politischer Maßnahmen zur Unterstützung der Afroperuaner dienen”, so die Pressenotiz.

Rassistische Beleidigungen im Alltag

Neben Armut und Marginalisierung sind auch rassistische Beleidigungen bzw. Attacken ein Problem, das den Alltag der Afroperuaner_innen prägt. Dies beginnt bereits bei penetranten Blicken. Claudia Reyes erzählt: „Ich erinnere mich an einen Nachmittag im Shoppingcenter, wo ich gemeinsam mit einem Freund unterwegs war, der sich sehr “ethnisch traditionell” kleidet. Die Leute haben ihn die ganze Zeit abfällig angestarrt, wodurch wir uns natürlich unwohl gefühlt haben. Ist man denn nicht frei, sich zu kleiden, wie es einem gefällt?!“

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