Peruanisch-Bolivianisches Reisetagebuch – Tag 5: La Paz = der Friede?

Der Bus rattert die letzten Hügel hinunter, und vor uns liegt La Paz, Regierungssitz Boliviens. Auf bis zu 4100 Meter über dem Meeresspiegel erstreckt sich die Stadt, die – inklusive Großraum – zwei Millionen Einwohner und zwei Supermärkte zählt. Sie schnürt uns den Atem ab, und das nicht nur aufgrund der dünnen Luft: Inmitten von Lamaföten und Kabelgewirr haben wir das Gefühl, in einer uns völlig fremden Kultur gelandet zu sein.

Durch unsere spontane Routenänderung haben wir für La Paz weder einen Couchsurfing-Host gefunden noch ein Hotel gebucht. Also schultern wir unser Gepäck und verlassen das Terminal Richtung Innenstadt. Später werden wir lesen, dass der Busbahnhof bzw. seine Umgebung zu den gefährlichsten Gegenden  von La Paz gehören soll, doch wir traben in fröhlicher Ignoranz samt Kamera, Teleobjektiv und Laptop (in unseren typischen Touri-Gepäckstücken verstaut) von dannen. Und auch umgekehrt werden wir fröhlich ignoriert statt überfallen, denn schließlich gilt: „The world is not such a scary place“;  das bewahrheitet sich auf meinen Reisen immer wieder.

Auf der bergab führenden Straße kommen wir am „Casa de la Democracia“ vorbei und wundern uns über den desolaten Zustand des Gebäudes. Später lese ich, dass es sich um den ehemaligen Sitz der Partei „Acción Democrática Nacionalista“ des ehemaligen Diktatoren Hugo Banzer Suárez handelt und bei den Unruhen 2003 von protestierenden Bürger_innen angegriffen und ausgebrannt wurde. Warum es bis heute unverändert dort steht, ist eine von vielen Fragen, die wir in den zwei kurzen in Tagen La Paz nicht beantworten werden können.
Casa de la Democracia, La Paz

Wir schlängeln uns durch das Chaos aus Passanten, Straßenverkäufern und deren Ständen. Im Gegensatz zu Lima, wo die Zahl der Straßenverkäufer offiziell geregelt und dabei stark reduziert wurde, herrscht hier ein schwindelerregendes Feilbieten von Socken über Maiskolben zu Golduhren. Wir kommen zur Plaza San Francisco, einer der Hauptplätze der Stadt, nicht minder voll. Eine große, blonde Frau steuert auf uns zu. Offenbar hat sie unsere verwirrten Mienen bemerkt und fragt, ob wir Hilfe brauchen. Im kurzen Dialog erfahren wir zwar nicht ihre Herkunft, dafür aber den Weg zu einer Straße, wo wir sowohl Hotels als auch Cafés mit WiFi finden können.

Einige hundert Meter stürzen wir in das erstbeste Café und lassen uns auf die Stühle fallen. Die Tür schwingt hinter uns zu und augenblicklich fühlen wir uns, als seien wir in eine Parallelwelt gebeamt worden. Das hektische La Paz ist jetzt durch dickes Fensterglas von uns getrennt, umgeben sind wir nun von Chill-out-Musik und weiteren Touristen. Wir erfahren, dass das Café zu einem Hotel gehört. Da auch dieses nett aussieht, bleiben wir gleich dort. Eine Stunde später sind wir geduscht, umgezogen und weggedöst.

Als wir wieder aufwachen, ist es bereits dunkel. La Paz bei Nacht wartet auf uns. Wir laufen den Berg hoch Richtung „Hexenmarkt“, wo es allerlei Kurioses geben soll. Zunächst einmal fällt uns jedoch das enorme Kabelgewirr auf. Auch in anderen lateinamerikanischen Städten habe ich ähnliche Gebilde gesehen, aber dieses hier ist zweifellos rekordverdächtig.

Stromkabel in La Paz

Dann biegen wir in in die Straße des Hexenmarkts ein. Auf den ersten Blick wirkt er gar nicht verhext oder auch nur esoterisch, sondern wie eine gewöhnliche Einkaufsstraße mit den üblichen Souvenirs wie Kleidung aus Alpaka-Wolle, Schlüsselanhängern etc. Aber Moment, was ist das für ein ausgedörrtes Etwas, das im fahlen Schein der Straßenlaterne baumelt? Wir treten näher und erkennen: Es sind Lamaföten, die in Reih und Glied in diversen Größen am Eingang eines normalen Souvenirladens aufgehängt sind. In großen Strohschalen werden die kleinsten angeboten – etwa zehn Zentimeter groß, ziemlich undefinierbare, knochige Objekte; Die größten sind körperlich vollständig entwickelt, bis hin aufs Fell. Wozu dienen sie? Damit soll die Pachamama, eine indigene Gottheit, besänftigt werden, wenn man beispielsweise durch einen Hausbau ein Stück Erde zerstört. Bei der Recherche über diesen Brauch stieß ich übrigens auf eine interessante Reportage über den „Hexenmarkt“, dessen Name umstritten ist.

Lamaföten I

Lamaföten II

Wir streifen weiter, über die Hauptstraße Richtung Plaza Murillo, wo der Präsidentenpalast steht. Wir drehen dort eine kleine Runde, können aber nichts Besonderes entdecken. Zu Abend essen wir in einem Restaurant, wo wir bolivianische Versionen von Gerichten mit Forelle und Alpaka kosten und außerdem eine CD läuft, auf der die größten Charthits der letzten 30 Jahre auf Panflöte nachgedudelt werden. Ob Schmalzballade oder Glamrock, die Flötisten machen vor nichts Halt.  Leider weiß der Kellner weder Titel der CD noch Namen der Musiker.

Wir gehen zurück und landen in einer alternativen Bar, wo wir uns erst einmal zwei Cocktails gönnen. Weiterhin fühlen wir uns wie hin- und hergebeamt zwischen zwei nebeneinander existierenden Welten, die nichts miteinander zu tun haben: Da wären hippe Cafés und Restaurants, ausschließlich von Tourist_innen frequentiert, mit Indiemusik und englischer Karte; und vor deren Fenster Kabelgewirr, Müllhaufen, Händler und Bettler.

La Paz, Innenstadt

La Paz ist uns beiden gleichermaßen ein Rätsel, und trotz unserer Aufenthalte (Rena) bzw. Beheimatung (Miguel) in anderen lateinamerikanischen Städten haben wir das Gefühl, dass uns erstmals der Kulturschock erwischt. Als wir das Café verlassen, sind die fahl beleuchteten Gassen des Zentrums menschenleer. Wir laufen im Stechschritt zum Hotel und beginnen auf die letzten Meter zu rennen. Auch wenn La Paz laut Statistiken nicht gefährlicher ist als andere südamerikanischen Metropolen, fühlen wir uns einfach nicht sicher. Erschöpft fallen wir ins Bett und hoffen, dass uns einer der von uns angeschriebenen Couchsurfer antwortet, um am nächsten Tag aus der Touristenblase aus- und ins wahre La Paz einzusteigen.

Ob das klappen wird?

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