Peruanisch-Bolivianisches Reisetagebuch Tag 7 & 8: Am Titicacasee

Dreieinhalb Stunden nach La Paz sind wir in Copacabana. Dazu brauchten wir allerdings kein Flugzeug nach Brasilien, sondern einen Bus zum Titicacasee. Dort liegt ein Dorf, das genau so heißt wie der berühmteste Stadtstrand der Welt. Die letzen beiden Reisetage möchten wir uns dort ausruhen und ursprüngliche Inseln besichtigen.

Nach der Ankunft kommt die Unterkunft. Couchsurfer_innen gibt es in dem Ort lediglich vier an der Zahl, ohne Referenzen und Infos. Also gehen wir auf Hotelschau. Während Miguel sich ein Zimmer zeigen lässt, schlendere ich im Foyer herum. Abwesend lasse ich den Blick über die Zeitschriften schweifen, die auf den Tischen verteilt liegen. Auf einmal sticht mir ein deutscher Titel ins Auge. Und was für einer:  M e i n  G e h e i m n i s  prangt in roten Buchstaben auf einer der Hefte. Untertitel: Dramatische Schicksale – ergreifende Erlebnisse. Geil! Heimatlicher Trash kommt mir nach sieben Monaten Südamerika absolut gelegen.

Miguel ist vom Zimmer allerdings nicht so begeistert wie ich von der Lektüre und so geht es noch ein paar Blocks weiter, bis wir schließlich auf ein herrliches Zimmer stoßen. Ich seufze vor Freude. Zwar ziehe ich generell Couchsurfing vor – nicht nur aus Kostengründen, sondern, weil man auf diese Art jeden Ort und seine Einwohner_innen auf viel intensivere Weise kennen lernt. Aber wenn es schon eine kommerzielle Unterkunft sein muss, dann gern auch mal eine richtig schöne. In Bolivien kann man sich das leichter gönnen: trotz Seeblick, Sitzecke und ansprechendem Design ist das Zimmer erschwinglich. Ein schönes Bad gibt es auch noch, welches ich gleich mit einer ausgiebigen Dusche einweihe.

Als ich mich gerade wohlig in das flauschige Hotelhandtuch wickle, höre ich Miguels aufgeregte Stimme. „Hielfe! Sso eine Angst!“. Erschrocken reiße ich die Tür auf. „Ver-sweif-elt!“, klagt es herzzerreißend vom Sofa aus. Allerdings schenkt mir der „Verzweifelte“ gar keine Beachtung, sondern starrt konzentriert auf eine Zeitschrift in seinen Händen. Miguel, der normalerweise im Goethe-Institut anspruchsvollen Sprachunterricht genießt, hat sich nun Mein Geheimnis zu Eigen gemacht, um Deutsch zu üben. Voller Emotion trägt er die kitschigen Überschriften vor. „Rena, was bedeutet ‚Aufruhr der Herzen‘?“

Nachdem Miguels „Angst“ also aufgeklärt ist, machen wir uns auf zu einer kleinen Wanderung, auf den nahe gelegenen Berg Cerro Calvario. Auf dem Weg zum Gipfel sind insgesamt vierzehn Kreuze angebracht, von oben kann man auf Dorf und See blicken. Der Berg ist eher ein Hügel, selbst der Reiseführer spricht von einem Aufstieg innerhalb von 30 Minuten. Trotzdem sorgt die Höhe – etwa 4000 Meter über dem Meeresspiegel – dafür, dass wir uns wie zwei lahme Enten mit Lungenschaden fühlen. Mit Kokablättern und Geduld sind wir trotzdem zur richtigen Stunde oben und werden mit einem märchenhaften Sonnenuntergang über dem See belohnt.

Und abends? Diesmal bin ich am Kränkeln. Nicht höhenkrank, sondern eher nervig erkältet. Statt Bier in der Bar gibt’s also Tee vom Zimmerservice. Und das Mexiko-Spiel, bei dem es immerhin um die WM-Teilnahme geht, wird von Miguel freiwillig von der Kneipe aufs Bett mit „Livestream“ verlegt. Mit großen Anführungszeichen für „live“. Wer brasilianisches, peruanisches oder bolivianisches Internet ausprobiert hat, weiß, dass Livestream einen konstanten Wechsel zwischen 20 Sekunden Bewegt- und 20 Sekunden Standbild bedeutet. Trotzdem höre ich kaum Flüche. Miguel ist die Rücksicht in Person. Es muss ihn innerlich zerreißen, nie zu wissen, ob gerade ein entscheidendes Tor fällt, während auf seinem Bildschirm ein umgerannter Spieler festgefroren ist.

Auf der Sonneninsel 

Erst am nächsten Nachmittag komme ich wieder  halbwegs auf dem Damm und wir nehmen uns ein Boot Richtung Isla del Sol. Dort soll der Sonnengott Inti seine Kinder einst auf einem Felsen zur Erde gelassen zu haben, weshalb die Insel eine große mythologische Bedeutung hat. Eine Ganztagestour hätte uns zum Nord- und zum Südteil geführt, inklusive Museum und Inka-Labyrinth. Doch auch auf unserer Route gibt es einiges zu sehen, vor allem ist die Landschaft einfach wunderschön. Wir waschen uns in einem Brunnen, dessen Wasser uns ewige Jugend schenken soll, steigen eine uralte, lange Treppe hinauf, Inselbewohner bieten Souvenirs an. Das lockt mich zunächst nicht. Zahlen muss ich aber trotzdem, und zwar, als ich drei grasende Schafe (!) fotografiere. Ich finde es legitim, dass die Einwohner für Porträts Geld verlangen (auch wenn ich persönlich von diesem Angebot keinen Gebrauch mache) – aber Schafe? Nun ja, für die Bewohner bedeuten die 20 Cent wesentlich mehr als für mich. Wir setzen unseren Weg fort, kommen vorbei an Lamas, spielenden Kindern und einer kleinen Tempelruine. Und dann zurück zum Schiff.

Anschließend heißt es packen und die Nacht wieder im Bus verbringen, zurück nach Cusco. Und von dort aus zurück ins graue Lima, weiterarbeiten.

Unsere Reise geht an jenem Tag Mitte Oktober zu Ende, und damit auch die Reisetagebuch-Serie. Doch bald schon werden neue Berichte folgen: In wenigen Tagen werde ich durch Ecuador reisen, diesmal alleine und (teilweise) per Couchsurfing. Ich möchte einen alten Schulfreund auf dem Weg wiedertreffen, eine neue Hauptstadt und das Amazonasgebiet kennen lernen. Bei dieser Flora und Fauna wird mein Fokus dann auf Fotos liegen. Apropos Fotos: Noch mehr Schönheit Südamerikas gibt es in dieser Fotogalerie.

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