Mosaik meiner Momente

2013 war ein großes Jahr für mich. Ich war in insgesamt sechs Ländern, habe in dreien davon gewohnt, vier davon betrat ich zum ersten Mal.

Eine ausführliche Zusammenfassung würde eindeutig den Rahmen sprengen. Wer eine knappe Übersicht sucht, wo ich was gemacht habe (studieren/arbeiten/reisen…), kann hier nachsehen. Und wer ein Mosaik der Momente sucht, die dieses Jahr geprägt haben, der sollte weiterlesen. Natürlich, es gab mehr als zehn prägende Erlebnisse – und womöglich gab es noch eindrücklichere als die Folgenden. Doch darum geht es auch gar nicht – es geht darum, wie auch im ganzen Blog, aus Splittern ein Mosaik zu fügen, ein Mosaik meiner Momente in Lateinamerika. Pro Monat ein Foto und eine Beschreibung. Heute Teil 1: März, April, Mai, Juni, Juli.

März 2013, Mexiko-Stadt

Torre Latino, Mexico City

Foto: Miguel Díaz

Mexiko-Stadt ist verdammt weit weg von Rio de Janeiro, was 2013 (erneut) als mein Hauptziel (Auslandssemester) war. Dass ich dennoch zuerst in Nordamerika (ja, Mexiko gehört zu Nordamerika) landete, habe ich meinem Studienstipendium zu verdanken. Da ich Spanisch im Nebenfach studiere, bekam ich einen Sprachkurs gezahlt. Nach einem 22-Stunden-Flug (der einzige, der in mein Pensum passte) kam ich erschlagen in die 30-Millionen-Metropole, eine einzige Adresse einer Couchsurferin in der Tasche. Ich hatte etwas Angst und die Reisehinweise des Auswärtigen Amts mal wieder zu gründlich gelesen. Und ebenfalls mal wieder lief es gut für mich: Ich vergoldete mein Spanisch bei Einzelunterricht, aß scharfe Wunderlichkeiten wie Maiskolben mit Mayonnaise, Chilipulver und Limettensaft, lausche Mariachis und spielte mit meinem zweiten Couchsurfing-Gastgeber, Miguel, das wohl dämlichste Spiel der Welt: Wir ließen uns auf der Straße von einem etwa hundertjährigen Männchen Elektroschocks verpassen, es gewinnt, wer länger aushält (genauere Beschreibung folgt noch). Obwohl ich etwas ärgerlich war, dass er mich naive Person zu diesem Spiel überredete (bevor ich kapierte, worum es ging, wurde ich bereits ordentlich stromgeschockt), verstanden wir uns letzten Endes so gut, dass ich ihn in diesem Jahresrückblick noch öfter erwähnen werde.

April 2013, Niterói/Rio de Janeiro

Campus Niterói

Foto: Julian Scholler

Doch zunächst lande ich ein weiteres Mal in meinem Lieblingsland, ja sogar in meiner Lieblingsstadt, die da heißt: Rio de Janeiro. Allein der Name löst Glücksgefühle in mir aus! Am Flughafen erwartet mich Victor, ein guter Freund und echter Carioca (Einwohner Rios), den ich vor vier Jahren bei meiner ersten Brasilienreise auf einem Campingplatz kennen gelernt habe. Dann heißt es: Couchsurfen, Zimmer suchen, Semester in Niterói beginnen. Ich schreibe mich ein für Kurse in Film, Fotografie und „Musik und Sexualität“. Durch den Uni-Dschungel (ich fühle mich wieder wie im 1. Semester) begleiten mich Stephanie (r.), meine brasilianische „Patentante“, und Leonie (l.), eine Tübinger Studentin, die ebenfalls ihr Auslandssemester in Niterói absolviert. Doch nicht immer gibt es Stress und Verwirrung, sondern auch entspannende Pausen; wie sollte es anders sein bei einem Campus mit Meerblick auf die schönste Stadt der Welt?

Mai 2013, Vista Chinesa / Rio de Janeiro 

Vista Chinesa, Rio de Janeiro

Ich liebe Rio. Ich hatte Angst, sein Zauber würde für mich erlöschen, wenn ich nicht nur, wie die letzten Jahre, ein paar Tage auf Durchreise wäre, sondern in der Stadt lebte und auch mit ihren schlechten Seite zu kämpfen hätte – Sicherheitsrisiken, Verkehrschaos… falsch. War ich in Rio früher verliebt – das heißt, verzaubert nach einem flüchtigen Blick, so begann ich es nun zu lieben (auch mit seinen soeben erwähnten Makeln). Vollgestopfte U-Bahnen und Selbstmord-Busfahrten waren vergessen, wenn ich von Orten wie diesen über die Stadt blicken konnte – in dem Fall übrigens per Fahrrad erreicht. Jeden Tag fühlte, roch, schmeckte, atmete ich meine Lieblingsstadt. Und beschloss, eines Tages dort zu leben.

Juni 2013, Centro, Rio de Janeiro

Demo in Rio

Foto: Denis Augusto

Szenen wie diese waren der Auslöser, warum ich Ende Juni nicht länger wartete und endlich den Mut zusammennahm, Latin American Diary ins Leben zu rufen. Relaxen auf dem Campus und Rios Schönheit von oben bewundern? Nein, jetzt stand Rio in Flammen; emotional gesehen und manchmal auch wortwörtlich, wenn Demonstrationen eskalierten und Vandalismus und Polizeigewalt Überhand nahmen. Der Tropfen, der für die Bevölkerung das Fass zum Überlaufen gebracht hatte, war die Erhöhung der sowieso schon teuren Tarife im öffentlichen Nahverkehr. Doch die sonst als dauerfröhlich bekannten Brasilianer_innen weiteten die Demonstrationen thematisch aus, machten ihrem Ärger und Verzweiflung Luft: Wut über Korruption, ein schwaches Bildungs- und Gesundheitssystem, vertrauensunwürdige Politiker_innen.

Juli 2013, São Paulo 

Children in Sao Paulo

Foto: Rena Föhr

Auch der Juli ist ein bewegter Monat. Weiterhin wird demonstriert, gleichzeitig rückt auch noch der Papst und Millionen von Pilger_innen zum Weltjugendtag an. Der Verkehr bricht zusammen, es regnet in Strömen, Rios Thermometer zeigen ein Rekordtief von 13 Grad. Ich flüchte nach São Paulo, wo ich den Ort besuchen möchte, wo vor vier Jahren meine Liebe zu Brasilien entflammte: Die Reconciliação, eine NGO in der Peripherie, die sozial schwach gestellten Menschen ein Kultur- und Bildungsangebot bietet –  und wo ich nach dem Abitur ein Jahr als Freiwillige mitarbeitete. Doch meine „Flucht“ ist nur bedingt erfolgreich. Natürlich ist es in São Paulo noch kälter – elf Grad im Haus – und auch im Projekt schien mir die gefühlte zwischenmenschliche Temperatur einst einen Tick wärmer gewesen zu sein. Ich denke: Zwar habe ich dort ein unglaubliches Jahr verbracht,  das ist aber einfach schon  lange vorbei. Zum regelmäßigen Online-Kontakt fehlt sowohl mir als auch meinen ehemaligen Kolleg_innen die Muße – außerdem sind viele von ihnen längst entlassen worden. Warum, ist mir unklar – wohl aufgrund fehlender Gelder, aber die Entscheidungen, wer wann plötzlich entlassen wird, sind mir des Öfteren ein Rätsel. Eine negative Sichtweise? Zu negativ, spüre ich schließlich,  denn natürlich sehe und umarme ich auch viele geliebte Menschen wieder: Meine ehemalige Gastmutter und Chefin Isabel; die gute Seele des Projekts, Terezinha; und natürlich unzählige Kinder, die mir so freudig wie bereits vor vier Jahren in die Arme stürzen und begeistert vor meiner Kamera posieren.

Und dann folgt

  • ein Fotoprojekt im August,
  • das bleigraue Lima im September,
  • Bolivien im Oktober,
  • Salsa im November,
  • Dschungel im Dezember…

Im „Mosaik meiner Momente (2)“, coming soon!

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