Mosaik meiner Momente (2)

2013 war ein großes Jahr für mich. Ich war in insgesamt sechs Ländern, habe in dreien davon gewohnt, vier davon betrat ich zum ersten Mal. Jetzt im fotografischen Rückblick: August bis Dezember. Die Links im Text führen zu Artikeln und Fotogalerien aus jener Zeit. 

Eine ausführliche Zusammenfassung würde eindeutig den Rahmen sprengen. Wer eine knappe Übersicht sucht, wo ich was gemacht habe (studieren/arbeiten/reisen…), kann hier nachsehen. Und wer ein Mosaik der Momente sucht, die dieses Jahr geprägt haben, der sollte weiterlesen. Natürlich, es gab mehr als zehn prägende Erlebnisse – und womöglich gab es noch eindrücklichere als die Folgenden. Doch darum geht es auch gar nicht – es geht darum, wie auch im ganzen Blog, aus Splittern ein Mosaik zu fügen, ein Mosaik meiner Momente in Lateinamerika. Pro Monat ein Foto und eine Beschreibung. Heute Teil 2: August, September, Oktober, November, Dezember.

August 2013, Rio de Janeiro 

Monalisa

Die letzten Wochen an der Uni in Niterói sind angebrochen, trotzdem oder gerade deshalb fühle ich mich inspiriert und motiviert. Nach wie vor halte ich Kurseinheiten von vier Zeitstunden für ein pädagogisch sinnloses Konzept , aber ich frohlocke, dass mir die 90-Minuten-Einheiten in Deutschland im nächsten Semester total kurz vorkommen werden. und Außerdem bin ich ja vom Inhalt der langen Sitzungen begeistert. Ich bekomme Impulse, die mir in Deutschland gefehlt hatten – Fotografie spielte in meinem Studiengang keine Rolle, neu ist mir auch der Kurs „Musik und Sexualität“, bei dem Chartsmusik und -videos und ihre Reflektion von Männer-/Frauenbildern analysiert werden.  Diese beiden Fächer werden zu meinen Lieblingen an der brasilianischen Uni. Ich beschließe, mir einen langjährigen Wunsch zu erfüllen und kaufe mir eine Spiegelreflexkamera. Diese hilft mir dann beim Abschlussprojekt, das ich brauche, um meinen Kurs zu bestehen: „Porträt“ ist das Überthema, die Form soll ein fotografisches Essay sein, Bild und Wort verbunden. Porträtieren schön und gut, nur wen?, frage ich mich. Natürlich habe ich viele Menschen kennen gelernt, aber in wenigen Monaten niemanden so gut, dass ich ihn in ein solches Projekt einbinden würde. Ich entschließe mich letztendlich für ein journalistisch angehauchtes Fotoprojekt über Straßenarbeiter_innen in Rio de Janeiro.  Die Arbeit wird mit 8,5 bewertet (10 ist die Bestnote in Brasilien), und damit bin ich zufrieden nach wenigen Wochen mit meiner ersten guten Kamera in den Händen.

September 2013, Lima, Peru 

Ebendiese Kamera begleitet mich wenige Tage später auf die andere Seite Südamerikas. Und nein,  das Bild ist nicht photogeshoppt bzw. nur teilweise in Farbe…  Die Tasche ist tatsächlich so bunt, und der Rest tatsächlich so grau in Lima. Ich stehe unter Schock, als ich innerhalb eines Tages von samba under the open sky zur grauen Hauptstadt Perus übersiedele. Der Zweck meines Aufenthalts ist ein dreimonatiges Praktikum in der Medienabteilung der  Coordinadora Nacional de Derechos Humanos, dem Dachverband peruanischer Menschenrechtsorganisationen. Ich finde schnell ein nahe gelegenes WG-Zimmer, und auf dem Praktikum sind alle extrem nett zu mir. Trotzdem fällt mir das Einleben in Lima nicht allzu leicht. Die Kolleg_innen bleiben ebendas: Kollegen, außerberufliche Treffen entstehen nicht. Ich versuche also, meinen eigenen Weg durch die graue Metropole zu finden. Ironischerweise mag ich Lima vor allem, wenn es dunkel ist – dann fällt das Grau nicht mehr auf und mir gelingt eine stimmungsvolle Fotogalerie. Außerdem fahre ich zum Strand und will dann doch nicht unter bleigrauem Himmel surfen. Dafür entbrennt meine Leidenschaft für Salsa, ich tanze in zwei Kursen sechs Stunden die Woche. Und auch auf der Arbeit suche und finde ich Aufgaben, schreibe für das Blog der Coordinadora, schneide Videos und gestalte Workshops für junge Menschenrechtsaktivist_innen mit . Mehr dazu bei November. 

Oktober 2013, La Paz, Bolivien

Doch ich kann dem grauen Lima ein bisschen entkommen, als Miguel zu Besuch kommt, den ich einst beim Couchsurfen in Mexiko-Stadt kennenlernte. Wir fliegen in den Süden, ich führe fleißig Reisetagebuch. Machu Picchu ist natürlich ein Muss, dann geht es über die Grenze bis nach La Paz. Dieser Stadt habe ich vor allem zu verdanken, dass ich Lima anschließend weniger ablehnend gegenüberstehe, denn La Paz ist eine ganz Dosis krasser. Natürlich kann ich durch den Superkurz-Aufenthalt von zwei Tagen kein sinnvolles Urteil abgeben, aber es ist die chaotischste Stadt, die ich bislang betreten habe. Trotzdem hat es auch Wunderschönes zu bieten – als wir raus sind aus dem Verkehrschaos und zehn Kilometer später ins sogenannte Mondtal kommen, bin ich geflashed. Die Landschaft wirkt einfach nicht wie von dieser Welt. Wir wandern in gleißender Sonne durchs Gestein, und am nächsten Tag fahren wir zum Titicacasee.

November 2013, Ayacucho, Peru 

La Hoyada, Ayacucho

Dann muss ich zurück in Lima, aber nur für drei Tage. Eine meiner besten Momente im Praktikum sind die Workshops für junge Menschenrechtsaktivist_innen, organisiert von der Coordinadora, betreut von einigen Mitarbeiter_innen, einschließlich mir selbst. Im Oktober bin ich deshalb im Norden Perus nahe Chiclayo und hauptsächlich Zuhörerin und Ansprechpartnerin für die Jugendlichen. Ich lerne selbst viel: Über Bergbau und dessen Auswirkung auf indigene Gemeinden, über die Situation von LGTB-Personen in Peru, über die Aufarbeitung des Terrorismus der 80er und 90er Jahre. Als ich auch auf dem zweiten Workshop im November in Ayacucho eingeplant werde, ergreife ich die Chance und schlage vor, einen eigenen Vortrag zu halten, zum Thema Fotojournalismus. Insgesamt gefällt mir der Workshop, an dem ich mitgeplant habe, besser als der erste. Er ist offener, wir besuchen Museen und machen eine Zeremonie an La Hoyada, ein Denkmal für die Opfer des Terrorismus nahe illegaler Massengräber in Ayacucho. Die Teilnehmer_innen sind sichtlich bewegt, sprechen offen, legen Blumen und Gemälde nieder. Dann bricht die Nacht über uns herein, und die Kerzen brennen weiter…

Dezember 2013, Reserva Cuyabeno, Ecuador 

Lagoon, Cuyabeno Reserve, Ecuador

Der letzte Monat des Jahres ist auch der bewegteste. Zu Beginn versuche ich, die letzten Aufgaben meines Praktikums erledigen. Ich führe Interviews, arbeite an einem Video, dann folgt schon der bewegende Abschied, bei dem ich zwischenzeitliche Motivationstiefs und kulturelle Missverständnisse vergesse und gerührt ein Buch über peruanische Eigenheiten und eine große Schokotorte entgegennehme.
Einen Tag später sitze ich mal wieder im Flugzeug, diesmal Richtung Ecuador. Ich habe einen günstigen Flug nach Quito gefunden und möchte nach Peru noch ein neues Land kennenlernen, das bereits vierte neue im Jahr 2013. Bonus: Einer meiner engsten Schulfreunde kommt fast zeitgleich mit mir an, zwecks eines Forschungsaufenthaltes. So verbringen wir ein Wochenende in Quito, springen am Äquator zwischen Nord- und Südhalbkugel hin und her und reden über alte Zeiten. Der gigantische Sonnenuntergang im Bild erwartet mich allerdings einige hundert Kilometer weiter, in einer Lagune im Amazonasgebiet. Ich erfülle mir einen Kindheitstraum und buche einen Vier-Tages-Trip in eine Lodge am Fluss Cuyabeno. 220 Dollar kostet der Spaß, bei dem Mahlzeiten, Unterkunft, Bus- und Bootstransfer von der nächstgelegenen Stadt und natürlich Touren quer durch den Dschungel inklusive sind. Für das Geld könnte ich mir anderswo nicht mal die Unterkunft zahlen. Der Trip durch den Dschungel ist so beeindruckend, dass ich einen eigenen Eintrag darüber schreiben werde. Und natürlich eine Fotogalerie erstellen, mit mehr Fotos wie diesem, die vor Schönheit fast erblinden lassen…

Ende des Jahres bin ich zurück in meiner Lieblingsstadt Rio de Janeiro. Ein bisschen wehmütig fast, denn gern wär ich noch nach Kolumbien weitergereist. Aber alles zu seiner Zeit. Material zum Bloggen hab ich in den letzten Woche genug gesammelt. Der nächste Eintrag ist schon in Arbeit!

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