Mexikanisches Reisetagebuch, Teil 1: Ostern in Guanajato

März 2013, ich und mein Rucksack sind auf dem Weg durch Mexiko. Am Osterwochenende komme ich nach Guanajuato, eine kleine Stadt voller  verwinkelter Gassen und Legenden…

Der Busbahnhof ist klein und der richtige Kombibus ins Stadtzentrum schnell ausfindig gemacht. Zwischen Großfamilien und Blumensträußen quetsche ich mich auf einen engen Plastiksitz.  Eines der ersten Dinge, die mir auffallen: Die Menschen wirken anders als in den großen Metropolen. Gelassener, offener, lächelnder.

Mühsam schiebt sich der Bus zwischen anderen Fahrzeugen die gewundene Straße entlang. Tausende scheinen das selbe Ziel anzusteuern wie ich. Ja, es sind Osterfeiertage, aber trotzdem hatte ich nicht damit gerechnet, wie brechend voll Guanajuato werden könnte. Später erzählt man mir, dass es eines der beliebtesten Ziele für den mexikanischen Osterurlaub ist.

Guanajuato von oben

Judiht, meine Gastgeberin ohne Tippfehler 

Nach wenigen Kilometern und ungefähr einer Dreiviertelstunde stehe ich mitten im Straßenmarkttrubel und falle in die Arme von Judiht, einer Krankenschwester Mitte 40. Ihr Name enthält keinen Tippfehler, zumindest nicht meinen – sondern den des Standesbeamten, der sie einst ins Register eintrug.  „Aber ich finde das gut. So heißt niemand!“, meint Judiht -in lupenreinem Deutsch. Mit ihrer Geschichte klärt sie mein Erstaunen auf: Vor über 20 Jahren hat Judiht, Mexikanerin, als Au-Pair-Mädchen in Heidelberg gearbeitet. Sie interessiert sich für fremde Kulturen und Reisen, kommt aber aufgrund ihrer Arbeit nicht mehr oft selbst dazu – und seit sie Couchsurfing entdeckt hat, holt sie sich die Welt eben ins Wohnzimmer. Stolz zeigt sie mir anhand von ordentlich aufgereihten Papierflaggen, welche Nationalitäten sie schon alles beherbergt hat; es sind mehr als zwanzig.

Neben gelegentlichen Couchsurfern wohnen bei Judiht noch ihr Bruder und ein riesiger Hund namens Olaf. Olaf reicht mir bis über die Taille und ich hoffe inbrünstig, dass er internationalen Rucksackreisenden genauso freundlich gegenüber steht wie seine Besitzerin.

Also Judiht Nachmittagsschlaf hält, streife ich allein durch die Stadt. Ich habe fast das Gefühl, rückwärts zu laufen, so langsam komme ich voran. Die Menschenmengen sind derart gewaltig. Straßenverkäufer bieten an ihren Ständen „das Übliche“ an – Maiskolben, Tacos aller Art… und „Gorditos“, „Dickerchen“, ein mir noch unbekanntes, rundes Gebäck, von dem ich mir gleich eine Packung kaufe und genieße. Ich laufe und laufe und erahne den Zauber, der dieser alten, hügeligen Stadt wohl innewohnt, wenn sie nicht gerade Zehntausende von Menschen als Ziel für ihren Wochenendtrip auserkoren haben.

Blutige Liebe und brennende Fackeln 

Den nächsten Tag beginnen Judiht und ich mit Mangos und Schokomüsli, dann machen wir uns gemeinsam auf in die Stadt. Wir laufen zur schönen Universidad de Guanajuato,  ich besichtige das Teatro Juarez, ein prachtvolles Gebäude erbaut Ende des 19. Jahrhunderts (während Judiht draußen wartet, sie hat es wohl schon mit Dutzenden anderen Couchsurfern gesehen); dann kommen wir zum „Callejón del Beso“, dem „Kussgässchen“. Auch dieses ist voll – voller Verliebter, die sich dort leidenschaftlich küssen, vor allem fürs Erinnerungsfoto. Die Legende, die der Gasse den Namen gab, ist zwar auch romantisch, endet aber blutig.

Callejón del Beso

Die Details der Geschichte variieren je nach Erzähler. Eine allgemeine Version wäre in etwa: Ein junger Mann und eine junge Frau verlieben sich (womöglich ist er arm und sie reich); der tyrannische Vater verbietet seiner Tochter die Liebe und sperrt sie in ihr Zimmer. Der Geliebte aber mietet oder kauft ein Zimmer/das ganze Haus gegenüber, und da die Gasse weniger als einen Meter breit ist, können sie sich so von ihren Fenstern/Balkonen aus sehen/die Hand nehmen/küssen. Als der Vater des Mädchens dies mitbekommt, ersticht er seine Tochter. Der Geliebte kann der Dahingeschiedenen nur noch einen Abschiedskuss auf die Lippen hauchen.

Bestechender Logik zufolge soll ein Kuss in dieser Straße heutigen Liebespaaren allerdings Glück bringen.

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