Mexikanisches Reisetagebuch, Teil 2: Magie oder Moloch?

„Sieht man da überhaupt die Sonne?“ – Nicht alle sind begeistert von meinem neuen Reiseziel, als ich im März 2013 Richtung Mexiko-Stadt aufbreche. Man wähnt mich entweder im Smog röchelnd oder mehrteilig in den Händen von blutrünstigen Drogenbanden. Einen Spanischkurs will ich machen? Warum denn nicht in Madrid? – Weil ich im Studium Mexikaner kennen gelernt habe, die mir ihre Heimatstadt als magische Metropole schildern, voller Kunst und Kultur. Und wie immer gilt: Die einzige Möglichkeit, meine eigene Wahrheit zu finden, ist, selbst hinzureisen.

Tag 1: Ankunft bei den Mayas

Nach 22 Stunden in der Luft – mit Zwischenlandung in Santo Domingo und Umsteigen in Panama, dafür 450 Euro einfach – wanke ich aus dem Flughafen Richtung Taxistand. Noch kann ich es kaum fassen, dass ich in Mexico City gelandet bin, einer Stadt, die ich mir lange in meiner Fantasie ausgemalt habe, von der ich viel gehört habe, Schreckliches wie Schönes. Meine erste Adresse ist Maya, die Couchsurferin, die mich für das erste Wochenende aufnehmen will. Für zwei Wochen werde ich einen Spanischkurs machen, für zwei Wochen werde ich quer durch die Metropole couchsurfen. Das ist mein Plan. Feste Gastfamilie? Zimmer in der Sprachschule? Das kostet. Statt teuer also Abenteuer.

Maya heißt mich herzlich willkommen in ihrer WG, inklusive zwei Mitbewohnern aus den USA und einer Katze. Sie studiert Anthropologie, liebt Filme und vegetarische Gerichte. Gleich alt sind wir auch – das muss doch klappen, denke ich. Das tut es im Großen und Ganzen auch, doch Maya ist ein furchtloses Energiebündel. 22-Stunden-Flug? Egal! Ich muss doch ihre Uni sehen, das Zentrum, traditionelle Drinks testen! Mit Maya, fühle ich, gibt es Mexico City 24/7. Ich versuche, mitzuhalten. Insgeheim kämpfe ich aber noch mit Abschiedsschmerz, Jetlag und Kulturschock.

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Erstes mexikanisches Frühstück mit Couchsurferin Maya und deren Freundin

Chilaquiles

Mexikanisches Frühstück: Chilaquiles

Tag 2: Erpressung mit Scherben

Am zweiten Tag machen wir uns mit der U-Bahn auf dem Weg ins Zentrum. Menschenmassen steigen aus und zu, normale Alltagsszenen wie in Berlin. Bis sich zwei Männer in den Waggon schieben, die mich sofort in Unruhe versetzen. Ihre zerrissene, schmutzige Kleidung zeugt von einem Leben auf der Straße. Was mich aber alarmiert, ist ihre Haut. Ihre Arme, ihre Rücken: durchfurcht von Narben und Schwielen.

Laut und hektisch beginnen die beiden, auf die Passagiere einzureden, den Waggon für sich einzunehmen – und ich, trotz eigentlich flüssigem Spanisch, verstehe nicht einen Hauch davon. Ein Überfall? Es werden keine Waffen gezogen, niemand direkt angesprochen oder angefasst. Aber nur um Betteln dreht es sich auch nicht, das spüre ich.

Krach. Der ältere der beiden lässt einen grobmaschigen Sack von seiner Schulter auf den Boden klatschen. Ein Meer an Glasscherben breitet sich auf dem Boden aus. Der jüngere der beiden wirft sich voller Wucht in die Scherbenmasse. Es knirscht. Entsetzt schaue ich weg.  Wird Blut fließen oder geht es vielleicht doch um eine Art Zirkustrick, wie bei Artisten, die unbeschadet über Scherben gehen können? Aus dem Augenwinkel sehe ich, dass eine ältere Frau eine kleine Münze in die Hand des Mannes drückt. Nächste Station – und die beiden verschwinden so plötzlich, wie sie aufgetaucht sind. Erst dann kommt Maya dazu, mir zu erklären, was soeben vorgefallen ist: Erpressung mit Selbstverletzung, eine bekannte Vorgehensweise in Mexiko. Menschen beginnen, sich selbst zu verletzen oder zu schneiden, und hören damit auf, wenn ihnen jemand Geld gibt. Trotz aller Schreckenserzählungen, die ich in mehreren Jahren über Lateinamerika gehört hatte, hatte ich davon noch nie gehört. Diese Menschen haben sich dafür entschieden, nicht ihre Mitmenschen anzugreifen, sondern sich selbst – und damit andere emotional zu erpressen. Ihnen Geld geben? Falsch. Zusehen, wie sich jemand blutig schneidet? Absolut falsch. In manchen Situationen gibt es nur schlechte Möglichkeiten, und das deprimiert mich ungemein. Beim anschließenden Spaziergang durchs Zentrum versuche ich mich zu beruhigen. Das klappt relativ gut: Die Innenstadt ist schön und gepflegt, ich fühle mich trotz fortgeschrittener Stunde sicher.

Tag 4: Spanisch mit Jesus

Tag 4 in Mexiko-Stadt ist Tag 1 in meiner Sprachschule, der Frida Spanish School im Stadtteil Condesa. Ich muss einen Einstufungstest machen und bekomme die volle Punktzahl. „Du gehst in den B2-Kurs zu María Luisa“, wird mir mitgeteilt. Dass der aber vermutlich zu leicht für mich sei, meine ich, und auf der Webseite der Sprachschule von sechs Niveaustufen die Rede sei. „Ja, aber zur Zeit gibt es keine entsprechenden Angebote. Frag mal Jesus um Rat!“, lautet der Tipp der Rezeptionistin. Einen Augenblick lang stutze ich. Zwar bekennen sich mehr als 80 % der Mexikaner_innen zum Katholizismus, aber dass mitten in Mexiko-Stadt jemand glaubt, Jesus könne mein Anliegen in der Sprachschule regeln, kommt mir doch seltsam vor. Ein Blick auf den Flyer der Sprachschule klärt mich auf: Jesús lautet der Names des Chefs. der Sprachschule. Und tatsächlich habe ich nach ein paar Tagen Erfolg, allerdings wohl auch auf Druck der deutschen Agentur GLS, über die ich den Kurs gebucht hatte: Meine Kursbuchung wird in Einzelunterricht in reduzierter Stundenzahl umgeschrieben. Nun kann ich intensiver an meinem Spanisch arbeiten, als es in der besten Gruppe in Madrid möglich gewesen wäre.

Tag 7: Nervenkrise und Rettung

Der Sprachunterricht läuft gut und Mexico City fasziniert mich, macht mich aber auch ein bisschen fertig aufgrund seiner Größe und mangels festen Wohnsitzes meinerseits. Nach einer Woche bin ich am Limit. Abenteuer gut und schön, aber als meine Tage bei den zweiten Couch-Gastgebern zu Ende gehen, habe ich noch keinen dritten Host gefunden. Das heißt, eigentlich schon – ein Angebot von einem Anwalt namens Miguel, der mich über meine öffentliche Anfrage angeboten hatte, die komplette Zeit in Mexiko-Stadt bei ihm zu wohnen. Allerdings finden sich auf seinem Profil keine Referenzen, obwohl er schon seit fünf Jahren Mitglied bei Couchsurfing ist, und so sympathisch seine Nachricht auch klingt, so schwer ist sein Gesicht auf dem Profilbild zu erkennen. Ich halte es für sicherer, vorerst in ein Hostel umzuziehen.

Liebte ich Hostels zu Beginn meiner Backpackerkarriere mit 19 noch innig – „in nur fünf Stockbetten fünf Kontinente versammelt, yeah!“ – kommt mir diesmal das ewige Been there, done that und die schlechte Luft zu den Ohren heraus. Ist mein Alterungsprozess mit 22 bereits so weit fortgeschritten oder liegt meine Gereiztheit eher daran, dass ich in zwei Tagen eine Hausarbeit abgeben muss? Ich habe sowohl an der Uni als auch auf Reisen schon einige Herausforderungen gemeistert – aber eine akademische Arbeit inmitten grölender Australier zu vollenden, misslingt mir grandios. Und so flüchte ich nach bereits einer Nacht Richtung ein anderes Hostel mit Einzelzimmer. Noch etwa 24 Stunden bis zur Abgabe.

Mexico City

Hostel des Grauens

Als der Taxifahrer mich an der angegebenen Adresse absetzt, stoße ich allerdings auf ein verlassenes Gebäude. Obwohl mir die Adresse per Telefon von Angestellten bestätigt worden war. Also wähle ich die Nummer erneut. „In diesem Gebäude ist keine eigene Rezeption. Ich komme gleich vorbei!“, so eine unbekümmerte Stimme.
Zehn Minuten später werde ich in das Haus geführt. Es gibt eine Küche, ein Bad und Zimmer auf dem Gang. Nur eines fehlt völlig: Gäste. Trotzdem bezahle ich bar auf die Hand. Schließlich will ich ja nur meine Hausarbeit fertig schreiben. Der Rezeptionist gibt mir einen Schlüssel und verschwindet wieder. Ich sperre auf. Vor mir liegt eine Gefängniszelle. Zumindest wirkt es so. Ein kleiner Fensterschacht spendet fahles Licht, eine schmale Pritsche mit Decke von anno dazumal wirkt auch nicht gerade einladend. Obwohl ich kaum Horrorfilme kenne, glaube ich, nun in einem gelandet zu sein. An Schlaf ist nicht zu denken. Wäre auch nicht wichtig, da ich ja die Hausarbeit fertig kriegen muss. Aber wie soll ich mich nachts trauen, über den verlassenen Gang bis aufs Klo zu laufen? Und was, wenn es doch noch einen anderen Gast gibt, zum Beispiel einen mit Axt im Gepäck?

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