Fragmente Argentiniens: Buenos Aires

„Como viajar sin ver“ – Reisen, ohne zu sehen – heisst das Buch, das ich gestern in einer Bibliothek in Buenos Aires gefunden habe. Der Argentinier Andrés Neuman eilt auf einer durchgetakteten Reise durch Lateinamerika und schreibt im Vorwort: „Zunaechst war ich traurig, nicht mehr Zeit fuer einen Ort zu haben. Aber dann dachte ich: Geht es nicht vielleicht genau darum? (…) Koennte diese Geschwindigkeit nicht auch ein Vorteil sein? Wenn es uns nicht moeglich ist, ausfuehrlichen Eindrueck von einem Ort zu sammeln, bleibt uns nur uebrig, alles mit der Radikalitaet des ersten Blicks zu betrachten (…)“

Worte wie Balsam fuer mich, die Perfektionistin, deren Entwuerfe meist genau das bleiben – Entwuerfe – weil ich keine Zeit finde, meine Eindruecke in Saetze zu verpacken, die mich zufriedenstellen. Und/oder weil sie mir zu oberflaechlich scheinen. etc. etc. etc.

Jetzt wird es anders. Ich will kleine Mosaikstueckchen aus der Realitaet brechen, die mir in einem oder wenigen Tagen an einem Platz begegnet. Ohne Filter und Formulierungspirouetten.

Ich bin in Buenos Aires. Eine Metropole, die auf den ersten, touristischen Blick europäisch wirkt. Die mich an Madrid erinnert. Eine Avenida, die so viele Spuren hat, dass ich mich staendig verzaehle, und in deren Mitte Mexikaner*innen gegen ihre Regierung protestieren. Der Himmel so verhangen wie in Lima, trotzdem macht die Stadt mich weder melancholisch noch schlaefrig.

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Unterkunft: Bei einem argentinischen Paar, das in Mexiko gelebt hat – nach einer neunmonatigen Reise auf dem Landweg. Es gibt: Pizza und Bier – internationale Kost sozusagen. Allerdings ist die Pizza mit Palmherzen belegt, das kenne ich bislang nur aus Brasilien.

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Palermo* bei Regen. Hippe Geschäfte, ein Haus mit stylishem Farbverlauf, Baumstämme mit bunter Häkelei. Ein T-Shirt-Laden mit Motiven von Nirvana bis Los Pollos Hermanos.

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Wir essen in einem Burger-Restaurant, das auch eine Sojaversion im Angebot hat. Vegetarisch in Argentinien ist leichter als geahnt. Die Wände sind vollgeschrieben mit dummen und klugen Sprüchen. Neben unserem Tisch steht: „No se puede tener un arcoiris sin un poco de lluvia“ – „Ohne Regen gibt es keinen Regenbogen“. Auch heute gibt es Regen, ohne Bogen.

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Nachtprogramm.
Eine Milonga*, in der sich eine Katze unter die Tanzenden mischt. Meine Unfaehigkeit, unter Anleitung der bereits weinseligen Lehrerin auch nur den Grundschritt dieses bittersuessen Tanzes zu lernen. Meinen mexikanischen und franzoesischen Tanzpartnern geht es zum Glueck, oder zum Pech? – ganz aehnlich. Was mir außer Rhythmus noch fehlt? Meine Kamera, um zumindest den der anderen festzuhalten.

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Aeltere Paare mit unterschiedlichen Niveaus, die in diesem subtilen Spiel versinken. Einzeltaenzer, die mit Utensilien (Seile, Spazierstock) ihren privaten Stil inszenieren.

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Heimfahrt im Taxi um drei Uhr morgens, früh für argentinische Standards. Regen, Regen, Regen. Gefühlslage: Erschöpfung gemischt mit Neugier auf den nächsten Tag in derselben Stadt.

Palermo = Stadtteil von Buenos Aires
Milonga=Tango-Tanzlokal 

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