Fragmente Uruguays: Montevideo – Wunderliches in der Wintersonne

Inspiriert von „Cómo viajar sin ver“ erzähle ich meine Reise durch Uruguay und Argentinien so, wie sie war: Ein wenig hastig, in wenigen Tagen von Stadt zu Stadt, und dennoch intensiv in der Schärfe der kurzen Eindrücke. Der Anfang war Montevideo, Uruguay: Eine Stadt, die hauptsächlich wegen des günstigen Flugpreises auf meiner Route landete, als Stopover Richtung Argentinien. Doch in Kürze spüre ich: Es gibt allerlei Wunderlichkeiten zu entdecken. 

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Montevideo Airport. Ein Werbeplakat: „Willkommen im Land mit dem schnellsten und und am weitesten zugänglichen Internet Lateinamerikas“. Das klingt vielversprechend, ich erinnere mich schaudernd an festgefrorene Fußballspieler in Bolivien.
Was Uruguay definitiv nicht hat: Das schnellste und zugänglichste Bargeld Lateinamerikas. Es gibt im internationalen Flughafen keinen Geldautomaten, der internationale Visakarten akzeptiert. Bezahlen kann ich damit erst recht nicht. Ich kratze meine letzten Euros zusammen und tausche sie um – genug für eine Fahrkarte, um den Flughafen zu verlassen.
Auf dieser Reise werde ich noch oft in einer Sackgasse landen, an deren Ende „sólo efectivo“ (nur Barzahlung) steht.

"Das Land mit dem schnellsten Internet Lateinamerikas"

„Das Land mit dem schnellsten Internet Lateinamerikas“

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Als ich in den Bus steige, bin ich versöhnt. Die freie Hand der Fahrer bei Dekoration (beliebt: neonfarbene 3D-Heiligenbilder) und Musikauswahl (beliebt: Reggaeton meets 90s-Trash) macht so manchen lateinamerikanischen Bus zu einem fahrenden Erlebnispark. Dieser hier ist eher zahm mit Salsa und Leuchtsternen an der Decke. Plus Holzschild: “Bienvenidos al 018” – Willkommen in der Linie 18.

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Verbotsschilder bergen viel Kultur. Auf diesem ist ein durchgestrichener Mate-Becher zu sehen. Was natürlich niemanden, auch nicht den Busfahrer, interessiert. Stattdessen reichen sich zwei Männer gemütlich ihren Becher hin und her und trommeln den Rhythmus der Salsa-Schnulze auf der Thermoskanne mit.

Mate trinken verboten.

Mate trinken verboten.

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“Ask Betty”: Women Friendly Car Service – lese ich auf einem Leuchtschild im Vorüberfahren. Inwieweit eine Autowerkstatt speziell frauenfreundlich sein soll, ist mir schleierhaft. Das Internet klärt mich mit einem Interview des Werkstattchefs auf (spanisch). Auszüge:

“Es handelt sich um eine Autowerkstatt, die speziell auf Frauen ausgerichtet ist, dekoriert in Violetttönen und ausgestattet mit einem Friseurstudio, Kinderspielzeug, Computern, Getränken und Snacks, sauberen Toiletten und sogar mit Baby-Wickeltischen!”

“Wir haben festgestellt, dass Frauen zwar am Entscheidungsprozess beim Autokauf beteiligt sind, anschließend das Auto aber nie in die Werkstatt bringen – und die üblichen Werkstätten mit den Postern halbnackter Frauen extrem uneinladend wirken.”

“Wir möchten Schluss machen mit Läden, die von Frauen mehr Geld für die Reparatur verlangen, weil diese nichts von Mechanik verstehen.”

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Zentrum von Montevideo. Erster Eindruck: Eine Geisterstadt. Schöne, aber teils verfallene Gebäude. Drei Männer versuchen, eine Karre anzuschieben, die alles andere als TÜV-würdig aussieht (vielleicht sollten sie bei Ask Betty vorbeischauen). Es sind kleine Details, die mich erinnern: Ich bin wieder in Lateinamerika.

Montevideo

Montevideo

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Mein Hotel fügt sich nahtlos in mein Bild von Montevideo ein: Knarrende Treppen, ein Aufzug wie aus einem Stummfilm Anfang 20. Jahrhundert, der den Pagen und mich in den 4. Stock bringt.

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Ich esse Mittag in einem Restaurant im Hippiedesign. „Estás muy linda hoy“ – „Du bist sehr schön heute“ steht auf dem Spiegel, an dem ich vorübergehe.
Circa zwölf Euro kostet mein Gemüseturm aus Auberginen und Zucchini mit Wildkartoffeln. Damit hätte ich nicht gerechnet, mit vegetarischer Küche allerdings auch nicht. Die beiden Kellner fragen mich neugierig, woher ich komme. Als Abschluss empfehlen sie mir einen Espresso. Ich lehne dankend ab, mangels Bargeld. Daraufhin beschließen sie, dass er als Willkommensgruß gratis serviert wird.

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Antiquitätenmarkt in der Altstadt: Münzen, Porzellan, das Übliche. Aber häufig auch ein mir ungewöhnlich scheinendes Objekt: Miniatur-Colakästen, die Fläschchen sind mit einer brauen Flüssigkeit gefüllt. Echte Cola? Abwasser? Was auch immer, ich bin zu schüchtern und gejetlagged, um nachzufragen. Im Nachhinein ärgere ich mich natürlich darüber. Wer die Lösung des Rätsels kennt → gerne in den Kommentaren.

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Die Nacht bricht um 18 Uhr herein. Tagsüber hatte es winterwarme achtzehn Grad, nun kühlt es zügig ab. Dank Jetlag bin ich sowieso müde. Der erste Tag in Montevideo endet früh. Der zweite bietet u.a. Hafenromantik, ein bisschen klassischen Tourismus und Pole-Akrobatik…

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