Demo, Sauna, Mick-Jagger-Oblaten: Recap meiner Woche in Bogotá

Ich bin jetzt eine Woche in Kolumbien, genauer gesagt, in Bogotá. Ich habe gelacht, geweint und sehr viel nachgedacht. Die Stadt hat mich vereinnahmt. Mit ihrem Chaos, ihrer Lebendigkeit, ihrer Armut und allen Kontrasten. Ich habe für Frauenrechte demonstriert, verkatert in der Sauna gesessen, Spätzle für meine Gastgeber gekocht, die beste Uni des Landes erkundet und erfahren, was Mick Jagger mit Riesenoblaten zu tun hat.

Schönster Moment

Samstagmorgen. Ich wache am Rand eines Doppelbettes auf. Ein paar Zentimeter vor meinem Gesicht liegt ein Paar nackte Füße. Einen halben Meter weiter sehe ich schwarzes langes Haar unter der Decke hervorlugen. Auf dem Sofa neben mir pennt auch irgendwer.
Es handelt sich um Anny, Ninni und Ginna: Meine Couch-Gastgeberin und ihre zwei Schwestern, die mich etwa zwölf Stunden vorher an meinem Hostel abgeholt haben. Das Glücksgefühl, das mich in dieser Minute ergreift, ist immens: Zwischen all den Schreckensmeldungen des Jahres 2016 kann ich mir mit unbekannten Menschen ihr Bett teilen, die mir das völlig selbstlos angeboten haben.
Für diejenigen, die noch kein Couchsurfing probiert haben: Dass man zu mehreren im Bett nächtigt, ist eher selten – und würde ich im Vorfeld auch nicht so ausmachen. Meistens gibt es eine Extramatratze, ein Extrazimmer oder eben die namensgebende Couch. Doch mit Anny, Ninni und Ginna habe ich schon am Vorabend Chicha getrunken und mich so brillant verstanden, dass ich Annys Angebot, in ihrem Bett zu schlafen statt auf dem etwas zu kurzen Sofa, sofort annehme. Dass sich auch noch Ginna mit reingequetscht hat, bekomme ich erst am Morgen mit – und finde es irgendwie süß.
Annys Mitbewohner Robert sorgt für das Frühstück: Rührei, frittierte Bananen und Kaffee. In den nächsten Tagen lerne ich die Stadt genau so kennen, wie ich es am liebsten mag: Durch die Augen ihrer Bewohner*innen. Klar, ich mache auch etwas klassischen Tourismus – besuche das großartige Museo del Oro (Museum des Goldes), den Platz, an dem Bogotá angeblich gegründet wurde, und esse Tamales in einem der ältesten Restaurants der Stadt. Doch ich lasse mir auch von meinen neuen Freund*innen den Unicampus und ihre Lieblingsbars zeigen.
Und den Sonntag verbringe ich in Roberts Fitnessstudio, wo die drei Schwestern, und ein weiterer Freund des Hauses und ich kurzerhand Probemitgliedschaften erwerben… um unseren Kater in der Sauna auszukurieren.

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Nachdenklichster Moment

Bogotás Hauptplatz, Plaza Bolívar. Hier endet die Demonstration des 25. November gegen Gewalt an Frauen. Eine bunte Menge hunderter Demonstranten – Mütter mit Kindern, Transfrauen mit glitzernd bemalten Brüsten, ein antikapitalistisches Kollektiv mit Katzenmasken, hat sich versammelt. Ich bin euphorisiert durch die Energie und Hoffnung, die in der Luft liegt,denn am Vortag haben Präsident Juan Manuel Santos und Farc-Chef “Timochenko” einen überarbeiteten Friedensvertrag geschlossen. An der Ausarbeitung waren Frauenrechts- und LGBT-Gruppen beteiligt. (Ein eigener Blogpost folgt).
Doch dann.
Zwischen den Feiernden, den Hoffnungsvollen, den Wütenden, den Rednerinnen, liegt ein Mann mitten auf dem Platz, in schmutziger Kleidung, regungslos. Betrunken? Auf Drogen? Krank? Keiner fragt. Auch ich nicht. Denn ich weiß nicht, wie ich reagieren soll in einem fremden Land, in dem dieser Anblick so oft vorkommt. Ich erinnere mich, wie ich in Bristol einmal einen regungslosen Mann am Gehsteig fand. Ich stupste ihn an, fragte, was los war… er wollte seinen Rausch ausschlafen, der Puls war normal. Aber hier? Tue ich nichts.
Während ich für eine bessere Welt demonstriere, bleibe ich regungslos gegenüber dem Leid vor meinen Füßen.
Das berührt mich und geht mir unangenehm nach.

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Demonstration for women’s rights, Plaza de Bolívar, 25 November

Skurrilster Moment

“LECKERE UND KÖSTLICHE MICK-JAGGER-OBLATEN” kann man im Zentrum an lauter kleinen Essensbuden lesen. Stets verziert mit einem verpixelten Antlitz von Mick Jagger. Was ist da los? Javier, ein Unidozent, mit dem ich mich über Couchsurfing auf einen Kaffee verabredet habe, erklärt es mir. Auf einer Tour vor vielen Jahren hat Mick Jagger Bogotás Zentrum besucht ein und tatsächlich eine “Oblea” gegessen: Zwei Riesenoblaten, zwischen die ein paar Kalorienbomben wie dulce de leche, Sahne, Fruchtsoßen, Schokostreusel etc. gepresst sind. Wo Mick Jagger nun wirklich war, und ob es den*die Oblatenverkäufer*in überhaupt noch gibt, weiß niemand so richtig.
Spaßeshalber frage ich jede*n einzeln, warum Mick Jagger ihr Wägelchen verziert. Die erste Antwort lautet prompt: “Weil er bei mir eine Oblea gekauft hat!” – “Und warum steht bei der Kollegin neben dir das gleiche?” – “Bei ihr hat er sich umgeschaut. Aber gekauft hat er bei mir!” – “Und die anderen, warum steht bei denen auch Mick-Jagger-Oblaten?” – “Na, aus Neid”.
Ihre Kollegin weiter oben serviert mir tatsächlich die gleiche Version. In der nächsten Straße wiederholt sich das Spiel allerdings. „Bei mir hat er gegessen! Die anderen kopieren mich nur!“
Eine Verkäuferin bleibt mir die Antwort schuldig: Statt mich zu beachten, hängt sie selig lächelnd am Telefon. Wer wohl am anderen Ende der Leitung ist? Wahrscheinlich Mick Jagger.

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„Mick Jagger’s tasty and delicious wafers“ – „Mick Jaggers leckere und köstliche Oblaten“


Was ich gelernt habe

Lateinamerika = Chaos und Unerwartetes. Das hatte ich schon wieder ein bisschen vergessen. Am Donnerstag will ich Bogotá für mein nächstes Reiseziel verlassen. Doch Uber funktioniert nicht, ich bestelle ein normales Taxi kommt, es fährt straight an meinem Haus vorbei und taucht nie wieder auf. Dann ist stundenlang keines verfügbar, dann beginnt der Regen und damit Verkehrschaos. Ich sitze fest.

… Aber: Es gibt unfassbar verständnisvolle und hilfsbereite Menschen. Meine Couch-Gastgeber lachen nur über meine Fassungslosigkeit und willigen sofort ein, dass ich eine siebte Nacht bei ihnen bleibe (statt ursprünglich dreien).

Fotos der Woche

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Demo 25. November: „Ich will frei von deinen Stereotypen aufwachsen“ – „I want to grow up free from your stereotypes“

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Dekorierte Griffe eines Recyclingkarrens – Adorned handles of a recycling cart


Satz der Woche: “Verga violadora a la licuadora”

Auf der Demo bekomme ich einen Crashkurs in spanischen Slogans. Dieser ist der drastischste und der, der mich am nachdenklichsten macht. Er geht leicht von der Zunge und – fordert Gewalt zur Vergeltung von Gewalt. Übersetzen könnte man ihn mit “Schwänze von Vergewaltigern – ab in den Mixer damit!” Ich frage mich, ob das junge Kollektiv (diverser Geschlechter), das den Satz immer wieder skandiert, tatsächlich ein solche Lynchjustiz befürwortet. Oder ob es gedankenlos einen catchy Satz im Chor brüllt.

Essen der Woche

Kolumbien ist nicht berühmt für sein Essen, doch diese traditionelle Suppe überzeugt mich gleich. Sie besteht u.a. aus drei verschiedenen Kartoffelsorten. Wer glaubt, Suppe mache nicht satt, war noch nicht in Kolumbien.

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Traditional Colombian Soup

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