Die Leichtigkeit des (Allein-)Seins & fränkischer Feminismus: Recap Woche 2

Nach Bogotá, der Metropole, kommt Villa de Leyva, ein altes Kolonialstädtchen mit einem der größten Plätze Südamerikas (120 x 120 Meter).

Hier will ich mich drei Tage auszuruhen, um dann über San Gil und Bucaramanga gen Norden zu ziehen. Doch kaum angekommen, trudeln die Mails ein, auf die ich sehnlich gehofft habe: Eine Zusage zu meinem Reportagevorschlag über Escobar-Tourismus in Medellín – findet ihr demnächst auf bento und anschließend auch hier; und eine Einladung von Kristina Lunz, die Frauenrechts-NGO SismaMujer kennenzulernen. Die Woche wird also mal wieder ereignisreich.

Hier die drei einprägsamsten Erlebnisse im Recap:

Das schönste

Wie bereits auf meiner Facebookseite berichtet, genieße ich in Villa de Leyva in vollen Zügen das Alleinreisen, denn ich habe diesmal keine “Couch”. Bei Couchsurfern gliedere ich mich in ihren Alltag ein, lasse mich mitnehmen von dem, was sie mir zeigen. Natürlich nicht 24/7, auch bei Couchsurfer*innen hat man Freiraum – doch weil ich mich mit Anny und Robert in Bogotá so großartig verstand, wollte ich kaum etwas ohne die beiden unternehmen. Nun aber genieße ich die Leichtigkeit des (Allein-)Seins und völlige Entscheidungsfreiheit. Ich wandere im leichten Regen auf menschenleeren Bergpfaden, entdecke wundervolle Farben und einen Glückspilz. An einem anderen Tag schnappe ich mir ein klappriges Rad und mache mich auf zu den Pozos Azules, blauen Teichen, die mich, naja, nicht vom Hocker reißen – beeindruckender finde ich eigentlich die Landschaft drumherum. Ich esse köstliches peruanisches Essen in einem Restaurant mit Garten und lasse mir frisch gepressten Brombeersaft die Kehle herunterrinnen. Ich laufe durch die Straßen, fotografiere mit Smartphone und Kamera, und lasse mich dann in einem Café nieder, um nachzudenken und zu schreiben.

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Das schrägste

Auch das berichtete ich bereits auf Facebook, aber es bleibt der schrägste Moment der Woche: Fast kotzend in einem Bus entlang der Serpentinen heizen, sich hektisch Wasser ins Gesicht spritzen, ein plärrendes Kleinkind neben mir, Plastiktüte bereit. Und dann säuselt das Radio “Hoy es noche de sexo” (Heute ist Sexnacht).
Nur in Lateinamerika.

Das nachdenklichste

Nach drei Nächten geht es zurück über die gewundenen Serpentinen hinauf nach Bogotá. Ich treffe wieder bei Anny und Robert ein, und am nächsten Tag rase ich durchs Zentrum Richtung SismaMujer, eine kolumbianische Frauenrechtsorganisation. Dort begrüßt mich mit strahlendem Lächeln – eine echte Fränkin: Kristina Lunz, Mitinitiatorin von ausnahmslos und Gründerin von StopBildSexism. Kristinas Lebensweg führt von einem 80-Seelen-Dorf über Oxford  nach Kolumbien (und von dort aus auf weitere Kontinente), wo sie im Rahmen des Mercator Fellowship-Programms zu feministischer Außenpolitik forscht.

Kristina stellt mir ihre Kollegin Lilibeth vor, eine junge Anwältin, die mir von der Arbeit der NGO im Justizbereich erzählt. Angesichts der Fortschritte der letzten Jahre ist sie zwar optimistisch, doch gerade wird das Land von grausamen Morden an mehreren Frauen und Mädchen erschüttert; und die Umsetzung der im Friedensvertrag festgeschriebenen Geschlechtergerechtigkeit wird eine Mammutaufgabe. Kolumbien, deine Kontraste: Fröhlich, gastfreundlich, ein bisschen verrückt – und dann klassistisch und homophob. Eine schriftliche Fassung des Audiointerviews werde ich hoffentlich in den nächsten Wochen machen.

Danach gehen Kristina und ich gemeinsam in ein vegetarisches Restaurant und fangen an zu reden. Über Feminismus in Deutschland und Südamerika, über unsere beruflichen Ziele und Reiseträume. Es ist ihr erster Aufenthalt in Lateinamerika, und ich frage ihr, wie es ihr gefällt. Auf der einen Seite ist sie fasziniert von den Landschaften, den Menschen – doch das Chaos der Großstadt und vor allem der ständige Sexismus, die Selbstverständlichkeit, mit der ihr obszön hinterhergegrölt wird, zehren schon an ihren Nerven, erzählt sie. Ich kann sie gut verstehen und wundere mich, warum mich diese Dinge in Lateinamerika nicht mehr stressen. Ich liebe diesen Kontinent so sehr, dass ich ihm viel verzeihe, glaube ich. Irrational und schwer zu erklären. Mal wieder frage ich mich, wo meine Leidenschaft für Lateinamerika wurzelt, auch wenn ich nicht an Reinkarnation glaube.

Satz der Woche

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“Quitarse tetas merece carcel. O al menos un bullying” – “Titten entfernen verdient Gefängnis. Oder zumindest Mobbing” – „Weisheit“ aus dem Nachtprogramm “Switch”, das ich im Hotel beim Zappen erwische. Es geht um ein Model, das sich die (immer noch voluminösen) Brüste verkleinern hat lassen. Ein seltsamer Typ mit wirrem Haar und Makeup moderiert diese Sendung. Und auch wenn der Satz so bescheuert ist, dass man ihn kaum ernst nehmen mag, erinert er an einen nicht so witzigen Hintergrund: Kolumbien ist eine Hochburg für plastische Chirurgie, und die Definition von Frauen als Sexobjekte sehr, sehr essentiell (ein sehr interessanter Beitrag hier).

Fotos der Woche


Auf einer Wanderung in den Bergen Villa de Leyvas entdeckte ich diesen wunderschönen Kontrast von Grün und Orange, ließ mich auf den Nadelteppich fallen und fotografierte ausgiebig.


Überraschungskategorie – Outfit der Woche: Der goldene Poncho

Modebloggerin? Eigentlich nicht, aber… seit Jahren war ich immer mal wieder versucht, einen Poncho zu kaufen. Dann aber war ich mir nicht so sicher, wo ich den anziehen könnte, und wollte mich auch nicht mit Alpaka auf der Brust als Super-Touri outen. Doch dann, an einem Tag, an dem mich etwas sehr ärgerte, stolperte ich in einen Designerladen und fand handgemachte goldene Träume. Pullover, Kleider… und den Poncho. Ein Hauch Luxus, ein Hauch Anden. Perfekt.

 

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