Mexikanisches Reisetagebuch, Teil 1: Ostern in Guanajato

März 2013, ich und mein Rucksack sind auf dem Weg durch Mexiko. Am Osterwochenende komme ich nach Guanajuato, eine kleine Stadt voller  verwinkelter Gassen und Legenden…

Der Busbahnhof ist klein und der richtige Kombibus ins Stadtzentrum schnell ausfindig gemacht. Zwischen Großfamilien und Blumensträußen quetsche ich mich auf einen engen Plastiksitz.  Eines der ersten Dinge, die mir auffallen: Die Menschen wirken anders als in den großen Metropolen. Gelassener, offener, lächelnder.

Mühsam schiebt sich der Bus zwischen anderen Fahrzeugen die gewundene Straße entlang. Tausende scheinen das selbe Ziel anzusteuern wie ich. Ja, es sind Osterfeiertage, aber trotzdem hatte ich nicht damit gerechnet, wie brechend voll Guanajuato werden könnte. Später erzählt man mir, dass es eines der beliebtesten Ziele für den mexikanischen Osterurlaub ist.

Guanajuato von oben

Judiht, meine Gastgeberin ohne Tippfehler 

Nach wenigen Kilometern und ungefähr einer Dreiviertelstunde stehe ich mitten im Straßenmarkttrubel und falle in die Arme von Judiht, einer Krankenschwester Mitte 40. Ihr Name enthält keinen Tippfehler, zumindest nicht meinen – sondern den des Standesbeamten, der sie einst ins Register eintrug.  „Aber ich finde das gut. So heißt niemand!“, meint Judiht -in lupenreinem Deutsch. Mit ihrer Geschichte klärt sie mein Erstaunen auf: Vor über 20 Jahren hat Judiht, Mexikanerin, als Au-Pair-Mädchen in Heidelberg gearbeitet. Sie interessiert sich für fremde Kulturen und Reisen, kommt aber aufgrund ihrer Arbeit nicht mehr oft selbst dazu – und seit sie Couchsurfing entdeckt hat, holt sie sich die Welt eben ins Wohnzimmer. Stolz zeigt sie mir anhand von ordentlich aufgereihten Papierflaggen, welche Nationalitäten sie schon alles beherbergt hat; es sind mehr als zwanzig.

Neben gelegentlichen Couchsurfern wohnen bei Judiht noch ihr Bruder und ein riesiger Hund namens Olaf. Olaf reicht mir bis über die Taille und ich hoffe inbrünstig, dass er internationalen Rucksackreisenden genauso freundlich gegenüber steht wie seine Besitzerin.

Also Judiht Nachmittagsschlaf hält, streife ich allein durch die Stadt. Ich habe fast das Gefühl, rückwärts zu laufen, so langsam komme ich voran. Die Menschenmengen sind derart gewaltig. Straßenverkäufer bieten an ihren Ständen „das Übliche“ an – Maiskolben, Tacos aller Art… und „Gorditos“, „Dickerchen“, ein mir noch unbekanntes, rundes Gebäck, von dem ich mir gleich eine Packung kaufe und genieße. Ich laufe und laufe und erahne den Zauber, der dieser alten, hügeligen Stadt wohl innewohnt, wenn sie nicht gerade Zehntausende von Menschen als Ziel für ihren Wochenendtrip auserkoren haben.

Blutige Liebe und brennende Fackeln 

Den nächsten Tag beginnen Judiht und ich mit Mangos und Schokomüsli, dann machen wir uns gemeinsam auf in die Stadt. Wir laufen zur schönen Universidad de Guanajuato,  ich besichtige das Teatro Juarez, ein prachtvolles Gebäude erbaut Ende des 19. Jahrhunderts (während Judiht draußen wartet, sie hat es wohl schon mit Dutzenden anderen Couchsurfern gesehen); dann kommen wir zum „Callejón del Beso“, dem „Kussgässchen“. Auch dieses ist voll – voller Verliebter, die sich dort leidenschaftlich küssen, vor allem fürs Erinnerungsfoto. Die Legende, die der Gasse den Namen gab, ist zwar auch romantisch, endet aber blutig.

Callejón del Beso

Die Details der Geschichte variieren je nach Erzähler. Eine allgemeine Version wäre in etwa: Ein junger Mann und eine junge Frau verlieben sich (womöglich ist er arm und sie reich); der tyrannische Vater verbietet seiner Tochter die Liebe und sperrt sie in ihr Zimmer. Der Geliebte aber mietet oder kauft ein Zimmer/das ganze Haus gegenüber, und da die Gasse weniger als einen Meter breit ist, können sie sich so von ihren Fenstern/Balkonen aus sehen/die Hand nehmen/küssen. Als der Vater des Mädchens dies mitbekommt, ersticht er seine Tochter. Der Geliebte kann der Dahingeschiedenen nur noch einen Abschiedskuss auf die Lippen hauchen.

Bestechender Logik zufolge soll ein Kuss in dieser Straße heutigen Liebespaaren allerdings Glück bringen.

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The oddity of coming home

How did the sky look when I left Germany in March 2013? Grey. How did it look when I came home ten months later? Grey. That was expectable. However, coming home was not exactly as I had expected. In some way, coming home is still part of the journey, and as the rest of the trip, full of surprises.

Mid of January, I got on an airplane in Rio, sweating although it was already midnight, sipping from an ice-cold drink. 17 hours later, my family picked me up in ice-cold Germany.

Expectation: To hug everyone, then go to a restaurant, sharing delicious food, drinks, stories and laughters.
Reality: I hug everyone, we agree to go to a restaurant, then my mother refuses the first restaurant option because it plays loud bass music. The second restaurant does not work for my brother: he is a vegan, while the traditional food in our region is… uhm, quite meat-based. In the third one, an old men’s choir is having reunion: private function. We turn around and end up drinking beer in the meat-based restaurant which by then already closed the kitchen so that no one gets food, so that, fair enough, my vegan brother is not the only one who stays hungry.

Conclusion: It is good to be back, yet not easy.

Family reunited

Happy family reunion,  just with slight differences regarding tan and dinner preferences

The next days and weeks are a rush. I visit several parts of my (patchwork) family in several cities; besides, I have to find a new room for my last semester in my university town. There, I meet people I haven’t seen or not even talked to for one year, I have reunion with professors, I do language tests (and pass with success), I try to make a good impression in flatmate castings.

Two weeks later, I drive directly from my grandma’s 80th birthday party to Berlin, where I do an internship in a German TV station for one month.
My home country’s capital leads me to reflect about the differences between Germany and the countries I visited during the last year. Berlin is a big, pulsing city, yet very different to what I have experienced in one year in Mexico City, Rio de Janeiro, Lima and other Latin American cities. And with the weeks passing by, I collect more and more „key moments“ which make me realize that I am really and truly back to Germany.

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They do not only reveal things about Germany, but also about Latin America: I notice these things only because they don’t exist/work another way/etc. in the regions that I visited in 2013. Before knowing Latin America, none of them had raised my attention.

So let me share some of them with you. Whether you are German, Latin American or an interested reader of another part of the world: you may find yourself in some of them and add some more.

I realized I was back to Germany when… 

  • …the second bus I got in was driven by a  blonde young woman
  • … people didn’t touch me, as physical contact happens only between really close people and not like in Rio, at every corner
  • …my mom sent me documents from Bavaria to Berlin and they arrived within a day
  • … I purchased products online and they arrived within a day
  • … no one offered me to help me to carry my (heavy) luggage upstairs at the train station, to put it up into the storage space, etc.
  • … streets were not crowded but organized, people almost never pushed me around or hit me by accident when walking by, and if they did, they always apologized politely
  • … I struggled with Berlin’s public transportation system because suddenly at some point it just seemed too complex for me: Train, S-train, tram, subway, and buses, a map looking like a labyrinth. To compare: Rio’s subway system consists of line 1 and line 2.
  • … any supermarket I entered had a storage with vegetarian and vegan substitute products and there were plenty of wholly organic supermarkets
  • … cabs I took were a) expensive b) Mercedes or Audi and c) several times driven by a woman
  • … I carried my reflex camera all around in a camera bag, not wrapped up in “pareos” hidden in some beach bag
  • … street musicians didn’t play Samba or romantic Latin songs but Bob Dylan and The Beatles, or self-made techno beats.
  • … no one danced on the streets although the techno guy was making quite danceable stuff
  • … at a Salsa party in Leipzig, everyone danced in quite accurate steps, however without moving their hips at all.

To be continued… but I still found out something else.

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Mosaik meiner Momente (2)

2013 war ein großes Jahr für mich. Ich war in insgesamt sechs Ländern, habe in dreien davon gewohnt, vier davon betrat ich zum ersten Mal. Jetzt im fotografischen Rückblick: August bis Dezember. Die Links im Text führen zu Artikeln und Fotogalerien aus jener Zeit. 

Eine ausführliche Zusammenfassung würde eindeutig den Rahmen sprengen. Wer eine knappe Übersicht sucht, wo ich was gemacht habe (studieren/arbeiten/reisen…), kann hier nachsehen. Und wer ein Mosaik der Momente sucht, die dieses Jahr geprägt haben, der sollte weiterlesen. Natürlich, es gab mehr als zehn prägende Erlebnisse – und womöglich gab es noch eindrücklichere als die Folgenden. Doch darum geht es auch gar nicht – es geht darum, wie auch im ganzen Blog, aus Splittern ein Mosaik zu fügen, ein Mosaik meiner Momente in Lateinamerika. Pro Monat ein Foto und eine Beschreibung. Heute Teil 2: August, September, Oktober, November, Dezember.

August 2013, Rio de Janeiro 

Monalisa

Die letzten Wochen an der Uni in Niterói sind angebrochen, trotzdem oder gerade deshalb fühle ich mich inspiriert und motiviert. Nach wie vor halte ich Kurseinheiten von vier Zeitstunden für ein pädagogisch sinnloses Konzept , aber ich frohlocke, dass mir die 90-Minuten-Einheiten in Deutschland im nächsten Semester total kurz vorkommen werden. und Außerdem bin ich ja vom Inhalt der langen Sitzungen begeistert. Ich bekomme Impulse, die mir in Deutschland gefehlt hatten – Fotografie spielte in meinem Studiengang keine Rolle, neu ist mir auch der Kurs „Musik und Sexualität“, bei dem Chartsmusik und -videos und ihre Reflektion von Männer-/Frauenbildern analysiert werden.  Diese beiden Fächer werden zu meinen Lieblingen an der brasilianischen Uni. Ich beschließe, mir einen langjährigen Wunsch zu erfüllen und kaufe mir eine Spiegelreflexkamera. Diese hilft mir dann beim Abschlussprojekt, das ich brauche, um meinen Kurs zu bestehen: „Porträt“ ist das Überthema, die Form soll ein fotografisches Essay sein, Bild und Wort verbunden. Porträtieren schön und gut, nur wen?, frage ich mich. Natürlich habe ich viele Menschen kennen gelernt, aber in wenigen Monaten niemanden so gut, dass ich ihn in ein solches Projekt einbinden würde. Ich entschließe mich letztendlich für ein journalistisch angehauchtes Fotoprojekt über Straßenarbeiter_innen in Rio de Janeiro.  Die Arbeit wird mit 8,5 bewertet (10 ist die Bestnote in Brasilien), und damit bin ich zufrieden nach wenigen Wochen mit meiner ersten guten Kamera in den Händen.

September 2013, Lima, Peru 

Ebendiese Kamera begleitet mich wenige Tage später auf die andere Seite Südamerikas. Und nein,  das Bild ist nicht photogeshoppt bzw. nur teilweise in Farbe…  Die Tasche ist tatsächlich so bunt, und der Rest tatsächlich so grau in Lima. Ich stehe unter Schock, als ich innerhalb eines Tages von samba under the open sky zur grauen Hauptstadt Perus übersiedele. Der Zweck meines Aufenthalts ist ein dreimonatiges Praktikum in der Medienabteilung der  Coordinadora Nacional de Derechos Humanos, dem Dachverband peruanischer Menschenrechtsorganisationen. Ich finde schnell ein nahe gelegenes WG-Zimmer, und auf dem Praktikum sind alle extrem nett zu mir. Trotzdem fällt mir das Einleben in Lima nicht allzu leicht. Die Kolleg_innen bleiben ebendas: Kollegen, außerberufliche Treffen entstehen nicht. Ich versuche also, meinen eigenen Weg durch die graue Metropole zu finden. Ironischerweise mag ich Lima vor allem, wenn es dunkel ist – dann fällt das Grau nicht mehr auf und mir gelingt eine stimmungsvolle Fotogalerie. Außerdem fahre ich zum Strand und will dann doch nicht unter bleigrauem Himmel surfen. Dafür entbrennt meine Leidenschaft für Salsa, ich tanze in zwei Kursen sechs Stunden die Woche. Und auch auf der Arbeit suche und finde ich Aufgaben, schreibe für das Blog der Coordinadora, schneide Videos und gestalte Workshops für junge Menschenrechtsaktivist_innen mit . Mehr dazu bei November. 

Oktober 2013, La Paz, Bolivien

Doch ich kann dem grauen Lima ein bisschen entkommen, als Miguel zu Besuch kommt, den ich einst beim Couchsurfen in Mexiko-Stadt kennenlernte. Wir fliegen in den Süden, ich führe fleißig Reisetagebuch. Machu Picchu ist natürlich ein Muss, dann geht es über die Grenze bis nach La Paz. Dieser Stadt habe ich vor allem zu verdanken, dass ich Lima anschließend weniger ablehnend gegenüberstehe, denn La Paz ist eine ganz Dosis krasser. Natürlich kann ich durch den Superkurz-Aufenthalt von zwei Tagen kein sinnvolles Urteil abgeben, aber es ist die chaotischste Stadt, die ich bislang betreten habe. Trotzdem hat es auch Wunderschönes zu bieten – als wir raus sind aus dem Verkehrschaos und zehn Kilometer später ins sogenannte Mondtal kommen, bin ich geflashed. Die Landschaft wirkt einfach nicht wie von dieser Welt. Wir wandern in gleißender Sonne durchs Gestein, und am nächsten Tag fahren wir zum Titicacasee.

November 2013, Ayacucho, Peru 

La Hoyada, Ayacucho

Dann muss ich zurück in Lima, aber nur für drei Tage. Eine meiner besten Momente im Praktikum sind die Workshops für junge Menschenrechtsaktivist_innen, organisiert von der Coordinadora, betreut von einigen Mitarbeiter_innen, einschließlich mir selbst. Im Oktober bin ich deshalb im Norden Perus nahe Chiclayo und hauptsächlich Zuhörerin und Ansprechpartnerin für die Jugendlichen. Ich lerne selbst viel: Über Bergbau und dessen Auswirkung auf indigene Gemeinden, über die Situation von LGTB-Personen in Peru, über die Aufarbeitung des Terrorismus der 80er und 90er Jahre. Als ich auch auf dem zweiten Workshop im November in Ayacucho eingeplant werde, ergreife ich die Chance und schlage vor, einen eigenen Vortrag zu halten, zum Thema Fotojournalismus. Insgesamt gefällt mir der Workshop, an dem ich mitgeplant habe, besser als der erste. Er ist offener, wir besuchen Museen und machen eine Zeremonie an La Hoyada, ein Denkmal für die Opfer des Terrorismus nahe illegaler Massengräber in Ayacucho. Die Teilnehmer_innen sind sichtlich bewegt, sprechen offen, legen Blumen und Gemälde nieder. Dann bricht die Nacht über uns herein, und die Kerzen brennen weiter…

Dezember 2013, Reserva Cuyabeno, Ecuador 

Lagoon, Cuyabeno Reserve, Ecuador

Der letzte Monat des Jahres ist auch der bewegteste. Zu Beginn versuche ich, die letzten Aufgaben meines Praktikums erledigen. Ich führe Interviews, arbeite an einem Video, dann folgt schon der bewegende Abschied, bei dem ich zwischenzeitliche Motivationstiefs und kulturelle Missverständnisse vergesse und gerührt ein Buch über peruanische Eigenheiten und eine große Schokotorte entgegennehme.
Einen Tag später sitze ich mal wieder im Flugzeug, diesmal Richtung Ecuador. Ich habe einen günstigen Flug nach Quito gefunden und möchte nach Peru noch ein neues Land kennenlernen, das bereits vierte neue im Jahr 2013. Bonus: Einer meiner engsten Schulfreunde kommt fast zeitgleich mit mir an, zwecks eines Forschungsaufenthaltes. So verbringen wir ein Wochenende in Quito, springen am Äquator zwischen Nord- und Südhalbkugel hin und her und reden über alte Zeiten. Der gigantische Sonnenuntergang im Bild erwartet mich allerdings einige hundert Kilometer weiter, in einer Lagune im Amazonasgebiet. Ich erfülle mir einen Kindheitstraum und buche einen Vier-Tages-Trip in eine Lodge am Fluss Cuyabeno. 220 Dollar kostet der Spaß, bei dem Mahlzeiten, Unterkunft, Bus- und Bootstransfer von der nächstgelegenen Stadt und natürlich Touren quer durch den Dschungel inklusive sind. Für das Geld könnte ich mir anderswo nicht mal die Unterkunft zahlen. Der Trip durch den Dschungel ist so beeindruckend, dass ich einen eigenen Eintrag darüber schreiben werde. Und natürlich eine Fotogalerie erstellen, mit mehr Fotos wie diesem, die vor Schönheit fast erblinden lassen…

Ende des Jahres bin ich zurück in meiner Lieblingsstadt Rio de Janeiro. Ein bisschen wehmütig fast, denn gern wär ich noch nach Kolumbien weitergereist. Aber alles zu seiner Zeit. Material zum Bloggen hab ich in den letzten Woche genug gesammelt. Der nächste Eintrag ist schon in Arbeit!

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Mosaik meiner Momente

2013 war ein großes Jahr für mich. Ich war in insgesamt sechs Ländern, habe in dreien davon gewohnt, vier davon betrat ich zum ersten Mal.

Eine ausführliche Zusammenfassung würde eindeutig den Rahmen sprengen. Wer eine knappe Übersicht sucht, wo ich was gemacht habe (studieren/arbeiten/reisen…), kann hier nachsehen. Und wer ein Mosaik der Momente sucht, die dieses Jahr geprägt haben, der sollte weiterlesen. Natürlich, es gab mehr als zehn prägende Erlebnisse – und womöglich gab es noch eindrücklichere als die Folgenden. Doch darum geht es auch gar nicht – es geht darum, wie auch im ganzen Blog, aus Splittern ein Mosaik zu fügen, ein Mosaik meiner Momente in Lateinamerika. Pro Monat ein Foto und eine Beschreibung. Heute Teil 1: März, April, Mai, Juni, Juli.

März 2013, Mexiko-Stadt

Torre Latino, Mexico City

Foto: Miguel Díaz

Mexiko-Stadt ist verdammt weit weg von Rio de Janeiro, was 2013 (erneut) als mein Hauptziel (Auslandssemester) war. Dass ich dennoch zuerst in Nordamerika (ja, Mexiko gehört zu Nordamerika) landete, habe ich meinem Studienstipendium zu verdanken. Da ich Spanisch im Nebenfach studiere, bekam ich einen Sprachkurs gezahlt. Nach einem 22-Stunden-Flug (der einzige, der in mein Pensum passte) kam ich erschlagen in die 30-Millionen-Metropole, eine einzige Adresse einer Couchsurferin in der Tasche. Ich hatte etwas Angst und die Reisehinweise des Auswärtigen Amts mal wieder zu gründlich gelesen. Und ebenfalls mal wieder lief es gut für mich: Ich vergoldete mein Spanisch bei Einzelunterricht, aß scharfe Wunderlichkeiten wie Maiskolben mit Mayonnaise, Chilipulver und Limettensaft, lausche Mariachis und spielte mit meinem zweiten Couchsurfing-Gastgeber, Miguel, das wohl dämlichste Spiel der Welt: Wir ließen uns auf der Straße von einem etwa hundertjährigen Männchen Elektroschocks verpassen, es gewinnt, wer länger aushält (genauere Beschreibung folgt noch). Obwohl ich etwas ärgerlich war, dass er mich naive Person zu diesem Spiel überredete (bevor ich kapierte, worum es ging, wurde ich bereits ordentlich stromgeschockt), verstanden wir uns letzten Endes so gut, dass ich ihn in diesem Jahresrückblick noch öfter erwähnen werde.

April 2013, Niterói/Rio de Janeiro

Campus Niterói

Foto: Julian Scholler

Doch zunächst lande ich ein weiteres Mal in meinem Lieblingsland, ja sogar in meiner Lieblingsstadt, die da heißt: Rio de Janeiro. Allein der Name löst Glücksgefühle in mir aus! Am Flughafen erwartet mich Victor, ein guter Freund und echter Carioca (Einwohner Rios), den ich vor vier Jahren bei meiner ersten Brasilienreise auf einem Campingplatz kennen gelernt habe. Dann heißt es: Couchsurfen, Zimmer suchen, Semester in Niterói beginnen. Ich schreibe mich ein für Kurse in Film, Fotografie und „Musik und Sexualität“. Durch den Uni-Dschungel (ich fühle mich wieder wie im 1. Semester) begleiten mich Stephanie (r.), meine brasilianische „Patentante“, und Leonie (l.), eine Tübinger Studentin, die ebenfalls ihr Auslandssemester in Niterói absolviert. Doch nicht immer gibt es Stress und Verwirrung, sondern auch entspannende Pausen; wie sollte es anders sein bei einem Campus mit Meerblick auf die schönste Stadt der Welt?

Mai 2013, Vista Chinesa / Rio de Janeiro 

Vista Chinesa, Rio de Janeiro

Ich liebe Rio. Ich hatte Angst, sein Zauber würde für mich erlöschen, wenn ich nicht nur, wie die letzten Jahre, ein paar Tage auf Durchreise wäre, sondern in der Stadt lebte und auch mit ihren schlechten Seite zu kämpfen hätte – Sicherheitsrisiken, Verkehrschaos… falsch. War ich in Rio früher verliebt – das heißt, verzaubert nach einem flüchtigen Blick, so begann ich es nun zu lieben (auch mit seinen soeben erwähnten Makeln). Vollgestopfte U-Bahnen und Selbstmord-Busfahrten waren vergessen, wenn ich von Orten wie diesen über die Stadt blicken konnte – in dem Fall übrigens per Fahrrad erreicht. Jeden Tag fühlte, roch, schmeckte, atmete ich meine Lieblingsstadt. Und beschloss, eines Tages dort zu leben.

Juni 2013, Centro, Rio de Janeiro

Demo in Rio

Foto: Denis Augusto

Szenen wie diese waren der Auslöser, warum ich Ende Juni nicht länger wartete und endlich den Mut zusammennahm, Latin American Diary ins Leben zu rufen. Relaxen auf dem Campus und Rios Schönheit von oben bewundern? Nein, jetzt stand Rio in Flammen; emotional gesehen und manchmal auch wortwörtlich, wenn Demonstrationen eskalierten und Vandalismus und Polizeigewalt Überhand nahmen. Der Tropfen, der für die Bevölkerung das Fass zum Überlaufen gebracht hatte, war die Erhöhung der sowieso schon teuren Tarife im öffentlichen Nahverkehr. Doch die sonst als dauerfröhlich bekannten Brasilianer_innen weiteten die Demonstrationen thematisch aus, machten ihrem Ärger und Verzweiflung Luft: Wut über Korruption, ein schwaches Bildungs- und Gesundheitssystem, vertrauensunwürdige Politiker_innen.

Juli 2013, São Paulo 

Children in Sao Paulo

Foto: Rena Föhr

Auch der Juli ist ein bewegter Monat. Weiterhin wird demonstriert, gleichzeitig rückt auch noch der Papst und Millionen von Pilger_innen zum Weltjugendtag an. Der Verkehr bricht zusammen, es regnet in Strömen, Rios Thermometer zeigen ein Rekordtief von 13 Grad. Ich flüchte nach São Paulo, wo ich den Ort besuchen möchte, wo vor vier Jahren meine Liebe zu Brasilien entflammte: Die Reconciliação, eine NGO in der Peripherie, die sozial schwach gestellten Menschen ein Kultur- und Bildungsangebot bietet –  und wo ich nach dem Abitur ein Jahr als Freiwillige mitarbeitete. Doch meine „Flucht“ ist nur bedingt erfolgreich. Natürlich ist es in São Paulo noch kälter – elf Grad im Haus – und auch im Projekt schien mir die gefühlte zwischenmenschliche Temperatur einst einen Tick wärmer gewesen zu sein. Ich denke: Zwar habe ich dort ein unglaubliches Jahr verbracht,  das ist aber einfach schon  lange vorbei. Zum regelmäßigen Online-Kontakt fehlt sowohl mir als auch meinen ehemaligen Kolleg_innen die Muße – außerdem sind viele von ihnen längst entlassen worden. Warum, ist mir unklar – wohl aufgrund fehlender Gelder, aber die Entscheidungen, wer wann plötzlich entlassen wird, sind mir des Öfteren ein Rätsel. Eine negative Sichtweise? Zu negativ, spüre ich schließlich,  denn natürlich sehe und umarme ich auch viele geliebte Menschen wieder: Meine ehemalige Gastmutter und Chefin Isabel; die gute Seele des Projekts, Terezinha; und natürlich unzählige Kinder, die mir so freudig wie bereits vor vier Jahren in die Arme stürzen und begeistert vor meiner Kamera posieren.

Und dann folgt

  • ein Fotoprojekt im August,
  • das bleigraue Lima im September,
  • Bolivien im Oktober,
  • Salsa im November,
  • Dschungel im Dezember…

Im „Mosaik meiner Momente (2)“, coming soon!

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Raw Fish Revised

In September, two weeks after my arrival in Lima, I published a text named “RoherFisch und heiße Rhythmen“ (raw fish and hot rhythms) which describes my first impressions of Peru’s capital. I named each three things I liked, three things which I considered annoying and three things I was looking forward to experiencing. So what happened then? Did my first ideas turn out to be true or do I have to classify them as unfounded prejudices? Let’s go through the text again…

1) What I like

“Enjoying delicious menus in for about 2,50 euros”
Indeed: Peruvian cuisine is incredibly tasty and furthermore available for totally reasonable prices (a home-made freshly cooked menu is cheaper than a, ummm, moderate meal at my university cafeteria in Germany). I hadn’t admitted it in my entry of September 17th, but actually I was not too convinced of “Ceviche” (raw fish marinated in lemon sauce, decorated with chilies, together with sweet potato and corn in the beginning. Oddly I got used to it fast and would now call it one of my favorite dishes. Besides, I fell for Lomo Saltado, Rocoto Relleno (chili filled mince, vegetables and covered with cheese), fish with tacu-tacu (a kind of paste made of beans or lentils, rice and herbs), and desserts like “suspiro a la limeña”, which is so sweet it almost breaks your teeth and is still totally worth it. Yes, food is one of the things I like best about Peru. Some people say it is on the way to be more recognized internationally – I would really welcome that.

Ceviche mit Tintenfisch und Maracujasoße

Ceviche

“The music”
“Salsa is omnipresent, Cumbia and Reggaeton are also quite popular. However, none of these genres are originally Peruvian. The country itself holds a lot of interesting artists and styles which to discover will be a task for the next months. […] At least I already dare to shake my hips to salsa rhythms. I attend classes thrice a week […]”

To be honest, my mission to learn Salsa worked out better than the mission to submerge into the Peruvian music scene. I kept on listening to the music which friends, taxi drivers etc. put on the record, so I may actually know not so few Peruvian artists, but still can’t name them. Before leaving the country, I’ll have to ask Peruvian music lovers for help.
Now about Salsa: One of my nicest memories in Peru will definitely be my salsa classes and its people. They, pardon, we call us “not a dancing group but a family”, throw surprise parties for each other and more. Example: Two days ago, the whole group organized a birthday party for a 13-year-old boy at his home. We gathered with cakes, snacks and balloons, played, naturally, salsa music and enjoyed the night with guests in the age from 2 to 72 years. Besides the warm atmosphere, I broadened my salsa skills from almost zero to something somehow watchable. By extending my classes I had the chance to dance six hours a week, two hours thrice, which led to progresses I hadn’t expected in three months. To form your own opinion, I will upload a small video of me dancing salsa to my facebook page soon.

My Salsa group

My Salsa group

“Politeness, helpfulness, hospitality”

I still feel that Peruvians in general are polite people: They are friendly, greet you a kind smile and show interest in you, yet without insisting if you are not up to a conversation. Regarding the hospitality, I was always treated very corteously when I was a guest. I just was not one so often: I didn’t make as many contacts during my stay as I thought, which was probably a combination of lack of my own initiative and the fact that my colleagues at work already had their own established life. I got along very well with them, but relations didn’t extend out of the office. Surely in university it would have been different.

2) What seems difficult to me

“The omnipresence of machism “

“Only women work at the supermarket check-outs, with strong make-up and dressed up all the same way, like dolls”

Well, they do. However, depending on the chain, male workers are responsible to pack the purchases into bags, also dressed up all the same way. In another chain I saw (few) male cashiers. The supermarket issue turned out to be more complex than I thought.

“There are no female bus drivers”
This seems to be true, I never saw a female driver, also I still haven’t met a Peruvian who did so.

“Some men would not give oral sex to their girlfriend as they believe this would turn her into a whore. Some women only permit anal sex before marriage in order to preserve their ‘virginity’ ”
Two Peruvian friends had told me that. Generally, Peruvians don’t talk too much about their sex life though (or at least not with a German woman they have known for a couple of months), but the few who talked to me agreed that cunnilingus was nowadays a normal practice in a relationship. About the anal sex issue I got no new information. Due to my lack of information I would quit the point about sexual practices from my “machism list”.

“There are reserved seats for ‘mothers with children’, but not for ‘fathers’ or just‘persons’“
Friends told me that in the new, modern metropolitan bus there are seats for “persons with children”. In the old microbuses, I have only seen stickers saying“mothers with children” or sketches which show a female figure with a kid.

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Peruanisch-Bolivianisches Reisetagebuch Tag 7 & 8: Am Titicacasee

Dreieinhalb Stunden nach La Paz sind wir in Copacabana. Dazu brauchten wir allerdings kein Flugzeug nach Brasilien, sondern einen Bus zum Titicacasee. Dort liegt ein Dorf, das genau so heißt wie der berühmteste Stadtstrand der Welt. Die letzen beiden Reisetage möchten wir uns dort ausruhen und ursprüngliche Inseln besichtigen.

Nach der Ankunft kommt die Unterkunft. Couchsurfer_innen gibt es in dem Ort lediglich vier an der Zahl, ohne Referenzen und Infos. Also gehen wir auf Hotelschau. Während Miguel sich ein Zimmer zeigen lässt, schlendere ich im Foyer herum. Abwesend lasse ich den Blick über die Zeitschriften schweifen, die auf den Tischen verteilt liegen. Auf einmal sticht mir ein deutscher Titel ins Auge. Und was für einer:  M e i n  G e h e i m n i s  prangt in roten Buchstaben auf einer der Hefte. Untertitel: Dramatische Schicksale – ergreifende Erlebnisse. Geil! Heimatlicher Trash kommt mir nach sieben Monaten Südamerika absolut gelegen.

Miguel ist vom Zimmer allerdings nicht so begeistert wie ich von der Lektüre und so geht es noch ein paar Blocks weiter, bis wir schließlich auf ein herrliches Zimmer stoßen. Ich seufze vor Freude. Zwar ziehe ich generell Couchsurfing vor – nicht nur aus Kostengründen, sondern, weil man auf diese Art jeden Ort und seine Einwohner_innen auf viel intensivere Weise kennen lernt. Aber wenn es schon eine kommerzielle Unterkunft sein muss, dann gern auch mal eine richtig schöne. In Bolivien kann man sich das leichter gönnen: trotz Seeblick, Sitzecke und ansprechendem Design ist das Zimmer erschwinglich. Ein schönes Bad gibt es auch noch, welches ich gleich mit einer ausgiebigen Dusche einweihe.

Als ich mich gerade wohlig in das flauschige Hotelhandtuch wickle, höre ich Miguels aufgeregte Stimme. „Hielfe! Sso eine Angst!“. Erschrocken reiße ich die Tür auf. „Ver-sweif-elt!“, klagt es herzzerreißend vom Sofa aus. Allerdings schenkt mir der „Verzweifelte“ gar keine Beachtung, sondern starrt konzentriert auf eine Zeitschrift in seinen Händen. Miguel, der normalerweise im Goethe-Institut anspruchsvollen Sprachunterricht genießt, hat sich nun Mein Geheimnis zu Eigen gemacht, um Deutsch zu üben. Voller Emotion trägt er die kitschigen Überschriften vor. „Rena, was bedeutet ‚Aufruhr der Herzen‘?“

Nachdem Miguels „Angst“ also aufgeklärt ist, machen wir uns auf zu einer kleinen Wanderung, auf den nahe gelegenen Berg Cerro Calvario. Auf dem Weg zum Gipfel sind insgesamt vierzehn Kreuze angebracht, von oben kann man auf Dorf und See blicken. Der Berg ist eher ein Hügel, selbst der Reiseführer spricht von einem Aufstieg innerhalb von 30 Minuten. Trotzdem sorgt die Höhe – etwa 4000 Meter über dem Meeresspiegel – dafür, dass wir uns wie zwei lahme Enten mit Lungenschaden fühlen. Mit Kokablättern und Geduld sind wir trotzdem zur richtigen Stunde oben und werden mit einem märchenhaften Sonnenuntergang über dem See belohnt.

Und abends? Diesmal bin ich am Kränkeln. Nicht höhenkrank, sondern eher nervig erkältet. Statt Bier in der Bar gibt’s also Tee vom Zimmerservice. Und das Mexiko-Spiel, bei dem es immerhin um die WM-Teilnahme geht, wird von Miguel freiwillig von der Kneipe aufs Bett mit „Livestream“ verlegt. Mit großen Anführungszeichen für „live“. Wer brasilianisches, peruanisches oder bolivianisches Internet ausprobiert hat, weiß, dass Livestream einen konstanten Wechsel zwischen 20 Sekunden Bewegt- und 20 Sekunden Standbild bedeutet. Trotzdem höre ich kaum Flüche. Miguel ist die Rücksicht in Person. Es muss ihn innerlich zerreißen, nie zu wissen, ob gerade ein entscheidendes Tor fällt, während auf seinem Bildschirm ein umgerannter Spieler festgefroren ist.

Auf der Sonneninsel 

Erst am nächsten Nachmittag komme ich wieder  halbwegs auf dem Damm und wir nehmen uns ein Boot Richtung Isla del Sol. Dort soll der Sonnengott Inti seine Kinder einst auf einem Felsen zur Erde gelassen zu haben, weshalb die Insel eine große mythologische Bedeutung hat. Eine Ganztagestour hätte uns zum Nord- und zum Südteil geführt, inklusive Museum und Inka-Labyrinth. Doch auch auf unserer Route gibt es einiges zu sehen, vor allem ist die Landschaft einfach wunderschön. Wir waschen uns in einem Brunnen, dessen Wasser uns ewige Jugend schenken soll, steigen eine uralte, lange Treppe hinauf, Inselbewohner bieten Souvenirs an. Das lockt mich zunächst nicht. Zahlen muss ich aber trotzdem, und zwar, als ich drei grasende Schafe (!) fotografiere. Ich finde es legitim, dass die Einwohner für Porträts Geld verlangen (auch wenn ich persönlich von diesem Angebot keinen Gebrauch mache) – aber Schafe? Nun ja, für die Bewohner bedeuten die 20 Cent wesentlich mehr als für mich. Wir setzen unseren Weg fort, kommen vorbei an Lamas, spielenden Kindern und einer kleinen Tempelruine. Und dann zurück zum Schiff.

Anschließend heißt es packen und die Nacht wieder im Bus verbringen, zurück nach Cusco. Und von dort aus zurück ins graue Lima, weiterarbeiten.

Unsere Reise geht an jenem Tag Mitte Oktober zu Ende, und damit auch die Reisetagebuch-Serie. Doch bald schon werden neue Berichte folgen: In wenigen Tagen werde ich durch Ecuador reisen, diesmal alleine und (teilweise) per Couchsurfing. Ich möchte einen alten Schulfreund auf dem Weg wiedertreffen, eine neue Hauptstadt und das Amazonasgebiet kennen lernen. Bei dieser Flora und Fauna wird mein Fokus dann auf Fotos liegen. Apropos Fotos: Noch mehr Schönheit Südamerikas gibt es in dieser Fotogalerie.

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Peruanisch-Bolivianisches Reisetagebuch – Tag 6: Mondtal und Edelsteine

Wir befinden uns in La Paz, der schwindelerregenden Metropole Boliviens. Der zweite und zugleich schon letzte Tag bricht an. Wir machen uns auf die Suche nach dem Mondtal, der Kokapflanze und einzigartigen Edelsteinen.

Nach einem Tag im urbanen Chaos sind wir uns einig, dass wir uns heute lieber eines der vielen Naturwunder Boliviens anschauen wollen. Zehn Kilometer außerhalb der Stadt liegt das Valle de la Luna (Mondtal), eine Landschaft voller sandfarbener, kraterähnlicher Felsformationen, die an den Mond oder zumindest an irgendetwas Außerirdisches erinnern. Über Millionen Jahre hinweg sind die bizarren Gebilde entstanden.

Wir bestellen uns ein Taxi dorthin. Auf der Fahrt erzählt uns der Fahrer dies und das über La Paz, zum Beispiel, dass die Straßen aufgrund der hügeligen Lage so schmal gebaut seien und dass es insgesamt zwei, maximal drei Supermärkte in der Stadt gebe. Auch über die Lamaföten weiß er angeblich Bescheid: Diese seien ein „Nebenprodukt“ regulärer Schlachtungen – die Bauern hätten keinen Überblick über Schwangerschaften in der Herde und schlachteten zu gegebenem Zeitpunkt für die Fleischproduktion; wenn ein trächtiges Lama darunter sei, würden die Föten als Glücksbringer weiterverkauft. Glaubwürdig? Es ist möglich, die Schwangerschaft eines Lamas anhand ihres Verhaltens gegenüber Männchen zu prüfen. Die wahren Mechanismen der Lamaindustrie kann ich auf die Schnelle allerdings nicht entschlüsseln.

Auf dem Mond 

Auf einer staubigen Landstraße kommen wir zum Stehen. Die Sonne brennt herab. Wir befinden uns auf über 3000 Meter Höhe. Ich denke an das unfreiwillige Gegrilltwerden auf Machu Picchu und verfluche mich, dass ich schon wieder keine Sonnencreme eingesteckt habe. So muss zumindest ein Hut her. In einer Touristenbude kaufe ich kurzerhand ein „traditionelles“ Modell, das mir eigentlich sogar sehr gefällt, auch wenn sich Miguel prächtig über das touristische Outfit amüsiert.

Und dann betreten wir das Mondtal. Die Landschaft, die vor uns liegt, verzaubert mich. Nah und doch fern vom Tumult in La Paz wirkt sie tatsächlich wie von einem anderen Planeten. Aber in diesem Fall sagen Bilder zweifellos mehr als tausend Worte:

Auf der Rückfahrt schlägt Miguel die Höhe auf den Kreislauf. Bisher hatten wir sie relativ gut vertragen, aber nun plagen ihn Kopfschmerzen. Zurück im Hotel stecke ich ihm eine Hand voll Kokablätter in den Mund, die er seinem Schicksal ergeben wiederkäut und dann ziemlich schnell einschläft. Da die Kokablätter ihn tatsächlich ziemlich schnell wieder fit machen, schauen wir uns anschließend das Museum über diese Wunderpflanze an, das „Museo de la Coca“. Am Eingang erwarten uns drei füllige Hippies mit wilden Mähnen, die Karten spielen und – natürlich – Kokablätter kauen. Außerdem erklären sie uns freundlich den Rundweg durchs Museum und haben sogar eine Mappe mit deutschen Erklärungen parat.
So machen wir uns auf den Weg, um in 20 Stationen Geschichte, Wirkung und Polemik rund um die Kokapflanze kennenzulernen.

Kultur einer umstrittenen Pflanze 

Wir erfahren, dass die Spanier in Südamerika den Konsum der Pflanze zeitweise als Teufelswerk verboten, es aber bald wieder erlaubten, als ihnen aufging, dass die Arbeiter auf den Plantagen durch den Konsum länger und härter arbeiten konnten.
Wir lernen auch, dass die Kokapflanze im 20. Jahrhundert in den USA als Ursache der Armut Lateinamerikas bezeichnet wurde, da das Kauen ihrer Blätter die Leute zu unfähigen Drogensüchtigen mache. Und auch in jüngster Vergangenheit gibt der Anbau der Kokapflanze Anlass zu internationalen Diskussionen (zum Weiterlesen hier eine Reportage der SZ).

Tatsache ist, dass die Kokapflanze die Grundlage für Kokain darstellt. Direkt konsumiert, also nicht chemisch aufbereitet, entfaltet sie allerdings eine andere, mildere Wirkung und hilft gegen Ermüdung, Hunger, Kopfschmerzen und Höhenkrankheit. Das bemerken auch Miguel und ich. Es kommt mir seltsam vor, dass ich sie nicht nach Deutschland ausführen darf, wo sie laut Betäubungsmittelgesetz verboten ist. Die Pflanze, die in Südperu und Bolivien in den Alltag integriert ist und auch uns auf der Reise als Hilfsmittel gegen Höhenluft und Nahrungsergänzung dient, soll in meiner Heimat eine illegale Droge sein?

Nach dem Museumsbesuch streifen wir noch ein bisschen durch die Innenstadt, auf der Suche nach einem einzigartigen Edelstein: Dem Bolivianito, einer natürlichen Fusion aus Amethyst und Citrin. Laut einer Legende soll er für ewige Liebe stehen, was ich allerdings erst bei der Recherche für diesen Blogeintrag erfahre. Wir finden ihn in vielen Formationen, in Kettenanhängern und sonstigen Accessoires. Trotzdem gönne ich mir den Kauf nicht und ärgere mich nun darüber, während ich dies schreibe.

Und dann fallen wir relativ schnell ins Bett, denn am nächsten Morgen sollen wir um 6.30 Uhr aus den Federn, um den Bus zu erwischen zu unserer letzten Reisestation: Dem Titicacasee.

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Peruanisch-Bolivianisches Reisetagebuch – Tag 5: La Paz = der Friede?

Der Bus rattert die letzten Hügel hinunter, und vor uns liegt La Paz, Regierungssitz Boliviens. Auf bis zu 4100 Meter über dem Meeresspiegel erstreckt sich die Stadt, die – inklusive Großraum – zwei Millionen Einwohner und zwei Supermärkte zählt. Sie schnürt uns den Atem ab, und das nicht nur aufgrund der dünnen Luft: Inmitten von Lamaföten und Kabelgewirr haben wir das Gefühl, in einer uns völlig fremden Kultur gelandet zu sein.

Durch unsere spontane Routenänderung haben wir für La Paz weder einen Couchsurfing-Host gefunden noch ein Hotel gebucht. Also schultern wir unser Gepäck und verlassen das Terminal Richtung Innenstadt. Später werden wir lesen, dass der Busbahnhof bzw. seine Umgebung zu den gefährlichsten Gegenden  von La Paz gehören soll, doch wir traben in fröhlicher Ignoranz samt Kamera, Teleobjektiv und Laptop (in unseren typischen Touri-Gepäckstücken verstaut) von dannen. Und auch umgekehrt werden wir fröhlich ignoriert statt überfallen, denn schließlich gilt: „The world is not such a scary place“;  das bewahrheitet sich auf meinen Reisen immer wieder.

Auf der bergab führenden Straße kommen wir am „Casa de la Democracia“ vorbei und wundern uns über den desolaten Zustand des Gebäudes. Später lese ich, dass es sich um den ehemaligen Sitz der Partei „Acción Democrática Nacionalista“ des ehemaligen Diktatoren Hugo Banzer Suárez handelt und bei den Unruhen 2003 von protestierenden Bürger_innen angegriffen und ausgebrannt wurde. Warum es bis heute unverändert dort steht, ist eine von vielen Fragen, die wir in den zwei kurzen in Tagen La Paz nicht beantworten werden können.
Casa de la Democracia, La Paz

Wir schlängeln uns durch das Chaos aus Passanten, Straßenverkäufern und deren Ständen. Im Gegensatz zu Lima, wo die Zahl der Straßenverkäufer offiziell geregelt und dabei stark reduziert wurde, herrscht hier ein schwindelerregendes Feilbieten von Socken über Maiskolben zu Golduhren. Wir kommen zur Plaza San Francisco, einer der Hauptplätze der Stadt, nicht minder voll. Eine große, blonde Frau steuert auf uns zu. Offenbar hat sie unsere verwirrten Mienen bemerkt und fragt, ob wir Hilfe brauchen. Im kurzen Dialog erfahren wir zwar nicht ihre Herkunft, dafür aber den Weg zu einer Straße, wo wir sowohl Hotels als auch Cafés mit WiFi finden können.

Einige hundert Meter stürzen wir in das erstbeste Café und lassen uns auf die Stühle fallen. Die Tür schwingt hinter uns zu und augenblicklich fühlen wir uns, als seien wir in eine Parallelwelt gebeamt worden. Das hektische La Paz ist jetzt durch dickes Fensterglas von uns getrennt, umgeben sind wir nun von Chill-out-Musik und weiteren Touristen. Wir erfahren, dass das Café zu einem Hotel gehört. Da auch dieses nett aussieht, bleiben wir gleich dort. Eine Stunde später sind wir geduscht, umgezogen und weggedöst.

Als wir wieder aufwachen, ist es bereits dunkel. La Paz bei Nacht wartet auf uns. Wir laufen den Berg hoch Richtung „Hexenmarkt“, wo es allerlei Kurioses geben soll. Zunächst einmal fällt uns jedoch das enorme Kabelgewirr auf. Auch in anderen lateinamerikanischen Städten habe ich ähnliche Gebilde gesehen, aber dieses hier ist zweifellos rekordverdächtig.

Stromkabel in La Paz

Dann biegen wir in in die Straße des Hexenmarkts ein. Auf den ersten Blick wirkt er gar nicht verhext oder auch nur esoterisch, sondern wie eine gewöhnliche Einkaufsstraße mit den üblichen Souvenirs wie Kleidung aus Alpaka-Wolle, Schlüsselanhängern etc. Aber Moment, was ist das für ein ausgedörrtes Etwas, das im fahlen Schein der Straßenlaterne baumelt? Wir treten näher und erkennen: Es sind Lamaföten, die in Reih und Glied in diversen Größen am Eingang eines normalen Souvenirladens aufgehängt sind. In großen Strohschalen werden die kleinsten angeboten – etwa zehn Zentimeter groß, ziemlich undefinierbare, knochige Objekte; Die größten sind körperlich vollständig entwickelt, bis hin aufs Fell. Wozu dienen sie? Damit soll die Pachamama, eine indigene Gottheit, besänftigt werden, wenn man beispielsweise durch einen Hausbau ein Stück Erde zerstört. Bei der Recherche über diesen Brauch stieß ich übrigens auf eine interessante Reportage über den „Hexenmarkt“, dessen Name umstritten ist.

Lamaföten I

Lamaföten II

Wir streifen weiter, über die Hauptstraße Richtung Plaza Murillo, wo der Präsidentenpalast steht. Wir drehen dort eine kleine Runde, können aber nichts Besonderes entdecken. Zu Abend essen wir in einem Restaurant, wo wir bolivianische Versionen von Gerichten mit Forelle und Alpaka kosten und außerdem eine CD läuft, auf der die größten Charthits der letzten 30 Jahre auf Panflöte nachgedudelt werden. Ob Schmalzballade oder Glamrock, die Flötisten machen vor nichts Halt.  Leider weiß der Kellner weder Titel der CD noch Namen der Musiker.

Wir gehen zurück und landen in einer alternativen Bar, wo wir uns erst einmal zwei Cocktails gönnen. Weiterhin fühlen wir uns wie hin- und hergebeamt zwischen zwei nebeneinander existierenden Welten, die nichts miteinander zu tun haben: Da wären hippe Cafés und Restaurants, ausschließlich von Tourist_innen frequentiert, mit Indiemusik und englischer Karte; und vor deren Fenster Kabelgewirr, Müllhaufen, Händler und Bettler.

La Paz, Innenstadt

La Paz ist uns beiden gleichermaßen ein Rätsel, und trotz unserer Aufenthalte (Rena) bzw. Beheimatung (Miguel) in anderen lateinamerikanischen Städten haben wir das Gefühl, dass uns erstmals der Kulturschock erwischt. Als wir das Café verlassen, sind die fahl beleuchteten Gassen des Zentrums menschenleer. Wir laufen im Stechschritt zum Hotel und beginnen auf die letzten Meter zu rennen. Auch wenn La Paz laut Statistiken nicht gefährlicher ist als andere südamerikanischen Metropolen, fühlen wir uns einfach nicht sicher. Erschöpft fallen wir ins Bett und hoffen, dass uns einer der von uns angeschriebenen Couchsurfer antwortet, um am nächsten Tag aus der Touristenblase aus- und ins wahre La Paz einzusteigen.

Ob das klappen wird?

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Bolivianisch-Peruanisches Reisetagebuch – Tag 4: You, drugs?

Was kann auf unserer Reise noch Spannendes kommen, nachdem wir bereits am dritten Tag ein Weltwunder besichtigt haben? Womöglich eine neue Hauptstadt (nun ja, eigentlich Regierungssitz). So sitzen wir einen Abend nach Machu Picchu im Bus Richtung La Paz. Und sammeln neue Erkenntnisse für Reisen in dieser Gegend.

Zunächst einmal müssen wir von Aguas Calientes zurück nach Cusco kommen. Diesmal steigen wir früher aus dem PeruRail aus, in einer Stadt namens Ollantaytambo. Damit der PeruRail nicht ganz so teuer zu Buche schlägt, kann man auch erst ab bzw. bis Ollantaytambo buchen, das zwischen Cusco und Machu Picchu liegt. Von dort aus/bis dorthin fährt man mit dem Bus oder Taxi – in beiden Fällen wesentlich billiger als die Teilstrecke im PeruRail.

Netter Bonus: Auch in Ollantaytambo befindet sich eine großflächige Anlage mit Inkaruinen, die wir auf unserem Zwischenstopp besichtigen wollen. Frohgemut steigen wir aus dem Zug und in ein Mototaxi. Ein Mototaxi ist ein Fahrzeug, das… wer es nicht kennt, versucht am besten, seine Technologie anhand der Fotos zu entschlüsseln.

Rena vor einem mit Flammen bemalten Mototaxi.

Rena sitzt im Mototaxi bereit zur Abfahrt.

Als wir vor den Ruinen halten, werden unsere Augen groß. Die Anlage ist gigantisch, sie erstreckt sich über Hügel, auf denen man herumlaufen kann wie in einem großen Park.
Dies allerdings nur, wenn man einen Pass kauft, der als Eintrittskarte für mehrere Ruinen in der Gegend gilt und etwa 20 Euro kostet. Ein guter Plan, wenn man noch mehr Zeit in der Gegend verbringt. Da wir dies aber aufgrund der Weiterreise nicht tun werden und viel Gepäck auf den Schultern haben, erhaschen wir nur einen kurzen Blick von außen und vertrödeln etwas Zeit auf dem Basar einen Block weiter. Dort erstehe ich nach sorgsamer Auslese diesen Anhänger aus bunten Halbedelsteinen:

Kolibri-Kette

Einige Stunden später kommen wir zurück nach Cusco. Als erstes steuern wir den Busbahnhof an, denn wir müssen die Weiterreise planen und wissen noch gar nicht, wohin. Als wir entdecken, dass die Strecke nach La Paz nur 12-13 Stunden dauert, beschließen wir, bis dorthin durchzufahren und erst auf dem Rückweg den Titicacasee zu besichtigen.

„Ich kauf noch schnell ein Wasser“, meint Miguel, als wir abends um zehn abfahrtbereit am Busbahnhof stehen. „Nicht nötig! Im Bus bekommt man sowieso welches!“, weise ich ihn fachmännisch zurecht (als ob ich täglich zwischen Peru und Bolivien verkehren würde…). Nachdem wir eine ominöse Steuer an einer Bude in der Mitte des Terminals bezahlt haben, deren Sinn uns nicht wirklich erschließt, können wir in den Bus steigen. Er sieht fahrtüchtig aus, aber die Decken, die wir hingeworfen bekommen, wirken nicht gerade blütenrein. Mir ist das herzlich egal, denn ich habe meinen Reiseschlafsack dabei, der mir als mobiles Mini-Zuhause dient: Er schützt mich vor Kälte, Zug, Licht und Schmutz. Miguel hingegen wägt noch ab, was ihn mehr stört: Die ungewaschene Decke oder die Eiseskälte. Abgesehen von der „pervers hochgedrehten Klimaanlage“ (Zitat einer durch Südamerika reisenden Freundin) liegen unsere Sitze netterweise auch noch gegenüber der Tür, durch die an sämtlichen Zwischenstopps Leute hinein- und hinausgeschleust werden.

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Afroperu [Deutsche Version].

Nach insgesamt eineinhalb Jahren in Brasilien glaubte ich, in die afro-lateinamerikanische Kultur bereits eingetaucht zu sein. Angefangen bei Samba und Capoeira ist diese im brasilianischen Alltag ziemlich stark präsent. Vor meiner Ankunft in Peru hingegen, dessen Touristenprospekte freundlich lächelnde Indigene in bunter Kleidung zeigen, glaubte ich, nun an den perfekten Ort zu reisen, um die indigenen Wurzeln Südamerikas kennenzulernen. Ich träumte von Machu Picchu und andinen Dörfern inmitten der Berge. Afroperu? Dieses Wort klang fremd in meinen Ohren.

Zweifelsohne war mein Stereotyp über Peru vom indigenen Erbe geprägt, nicht vom afrikanischen. Als mir bewusst wurde, welch große Rolle auch dieses spielt, fühlte ich mich wie eine typische ignorante Touristin. Claudia Reyes, Aktivistin in der Studenteninitiative AfroPUCP, erklärte mir daraufhin: „So wie andere Länder Peru betrachten, so sehen wir uns auch selbst. Es gibt bereits viel Forschung über den indigenen Bevölkerungsteil, wohingegen afroperuanische Studien bislang kaum in den Sozialwissenschaften vorkommen. Dadurch fühlen wir Afroperuaner uns wie unsichtbar, und das versuchen wir zu ändern.“

Laut der ENAHO (Encuesta Nacional de Hogares/ Nationale Umfrage der Haushalte) 2012 sind 2,1 % aller Peruaner afrikanischer Abstammung. Das klingt zunächst nach wenig, ändert jedoch nichts daran, dass eine lebhafte afroperuanische Kultur existiert, die die Identität des Landes prägt.

Vor allem in der Musik hat das afrikanische Erbe einen starken Einfluss. Es gibt Dutzende afroperuanische Tänze und Musikstile, in denen spanische Gitarren auf  afrikanische Trommeln treffen. Zu den afroperuanischen Musiker_innen gehören Ikonen wie Susana Baca, die mit dem Grammy Latino ausgezeichnet wurde, und die Formation Perú Negro, die seit 1969 existiert und 2008 mit ihrem Album Zamba Malató für den Grammy Latino nominiert war.


Initiativen zur Erhaltung und Stärkung der afroperuanischen Kultur

In den letzten Jahren sind vermehrt Initiativen zur Stärkung und Erhaltung afroperuanischer Kultur ins Leben gerufen worden. Es wurde der „Tag des afroperuanischen Stolzes“ (im Original: „Orgullo Afroperuano“) eingeführt, welcher auf den 4. Juli datiert ist und auf den ein Monat  voller Veranstaltungen rund um afroperuanische Kultur folgt.

Im Juli war ich noch nicht in Peru. Im vergangenen Monat jedoch habe ich erstmals eine künstlerische Arbeit gesehen, die der afroperuanischen Bevölkerung gewidmet ist.
Im Rahmen meines Praktikums beim Dachverband peruanischer Menschenrechtsorganisationen sollte ich ein Video für das Web-TV-Programm Lo Justo drehen. Gemeinsam mit einer Kollegin besuchte ich deshalb die Fotoausstellung „Afroperú“ des venezolanischen Fotografen Kike Arnal. Diese bestand aus Porträts von Menschen aus diversen afroperuanischen Gemeinden. Die in Schwarz-Weiß gehaltenen Fotos zeigen unter anderem Mädchen bei einer Tanzaufführung, einen Fischer, eine junge Frau, die zur Miss Chincha [Stadt mit dem größten Anteil an Afroperuaner_innen] 2012 gekürt wurde, Arbeiter_innen und Aktivist_innen.
Die Ausstellung beeindruckte mich abgesehen von ihrem künstlerischen Wert auch dadurch, dass ihr gelang, die Kultur eines Bevölkerungsteils gemeinsam mit der prekären Situation, unter der dieser leidet, einzufangen.


Die prekäre Situation der Afroperuaner_innen und der Mangel an Statistiken darüber

Einige Statistiken geben uns Einblick in die Schwere dieser Situation: Laut der ENAHO 2004 befinden sich 37,5 % der afroperuanischen Haushalte in Armut, während der nationale Durchschnitt bei 34,8% liegt. 4 % der Afroperuaner_innen leben in extremer Armut. GRADE (Analysegruppe zu Entwicklungsangelegenheiten) und die Stiftung Van Leer berichteten 2011 auf Basis ihrer Umfragedaten: „Afroperuanische Kinder, die jünger als acht Jahre alt sind und in die Schule gehen, sind sehr häufig gewalttätigen Vorfällen ausgesetzt. 19,5 % hatten Erlebnisse mit physischer und sogar 28,9 % mit psychischer Gewalt. Die Hauptagressoren waren die eigenen Klassenkameraden. Es wurden jedoch auch Fälle festgestellt, in denen die Lehrer physische (auf 2,5 % der Befragten) oder psychische Gewalt (auf 3,4 % der Befragten) auf die afroperuanischen Schüler ausübten“.
Die Studie hält weiterhin fest, dass 22, 1% der Afroperuaner_innen Diskriminierung in der Schule erfahren hat, „wohingegen die Quote bei den Peruanern nicht-afrikanischer Abstammung bei 16 % Prozent liegt“.

Auch wenn uns diese Zahlen einen ersten Eindruck vermitteln können, besteht ein enormer Mangel an ausführlichen Studien mit zuverlässigen Daten über die Lebensumstände der Afroperuaner_innen. Seit 1940 ist bei den peruanischen Volkszählungen die Variable zur ethnischen Selbstbeschreibung nicht mehr enthalten. „Das Fehlen von Daten und Indikatoren verhindert eindeutige und objektive Erkenntnisse über die Bedürfnisse und Dringlichkeiten dieser Bevölkerungsgruppe”, heißt es in einer Pressemitteilung des Kulturministeriums, das vor wenigen Wochen eine Studie vorgestellt hat, die speziell auf afroperuanische Bürger_innen zugeschnitten sein wird.  Diese soll Aufschluss über die sozioökonomische Situation der Afroperuaner_innen bringen und dadurch ein Fundament “zur Entwicklung politischer Maßnahmen zur Unterstützung der Afroperuaner dienen”, so die Pressenotiz.

Rassistische Beleidigungen im Alltag

Neben Armut und Marginalisierung sind auch rassistische Beleidigungen bzw. Attacken ein Problem, das den Alltag der Afroperuaner_innen prägt. Dies beginnt bereits bei penetranten Blicken. Claudia Reyes erzählt: „Ich erinnere mich an einen Nachmittag im Shoppingcenter, wo ich gemeinsam mit einem Freund unterwegs war, der sich sehr “ethnisch traditionell” kleidet. Die Leute haben ihn die ganze Zeit abfällig angestarrt, wodurch wir uns natürlich unwohl gefühlt haben. Ist man denn nicht frei, sich zu kleiden, wie es einem gefällt?!“

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